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Würde willen nichts der Kaiserin von meiner Unterhaltung sagt. Denn daer mir eingestand, daß die Kaiserin sehr eifersüchtig auf mich sei, sie Hebedurchaus nicht die längere Anwesenheit von Freunden, so könnte das einehöse Geschichte werden."
In einem Brief vom 1. Oktober, auch noch aus Rominten, zeigte sichEulenburg beunruhigt durch meinen kurz vorher in Friedrichsruh HerbertBismarck abgestatteten Besuch, zu dem ich die alten freundschaftlichenBeziehungen aufrechterhielt, obschon er bei Seiner Majestät in tiefster Un-gnade stand. „Menschlich wird Friedrichsruh Dir wenig geboten haben.Das Rauschen der alten Buchen ist ein Widerspruch zu dem versetztenweltlichen Ehrgeiz Herberts. Der Alte paßte besser hinein, wie ein merk-würdiges Untier, das allerhand Dämonisches daraus hörte." Über meineSorgen und Mühen im Auswärtigen Amt tröstete Phili mich mit den Worten:„Du kannst fest davon überzeugt sein, daß solche Mühe und Not nicht um-sonst für Deine Seele sind, weil Du sie Dir rein und edel erhalten hast —trotz allen Giftes, das böse Dämonen in Dich hineinzugießen versuchen,Geister, die hier nicht bestanden haben."
Über die politische Stimmung des Kaisers hatte mir Eulenburg am28. September 1900 aus Rominten berichtet: „Du kennst die Ansicht vonTirpitz über England resp. seine Angst vor England . S. M. äußerte sichscharf gegen England, und es blitzte sein Haß namentlich gegen Salisbury wie Wetterleuchten auf. Tirpitz wagte nicht, seine Angst zu zeigen. SeineBemerkungen über die drohende große Gefahr waren sehr vorsichtig.Momentan ist also die Allerhöchste Stimmung ebenso scharf gegen England wie gegen Rußland , was zu einer Art Ruhe führt: otium cum veneno. Ineiner längeren Unterredung mit Tirpitz unterwegs sagte er mir, daß er dieMission Waldersee für außerordentlich gefährlich hielte. Daß alle anderenGroßmächte nur darauflauerten, uns eine unsterbliche Blamage zu bereiten,sei über jeden Zweifel erhaben."
Wenn ich diese in die Zeit vor meiner Kanzlerschaft zurückreichendenBriefe Eulenburgs hier anführe, so geschieht das, um, besser als ich es aufGrund eigener Beobachtungen darzustellen vermöchte, die Kompliziert-heit der Verhältnisse zu beleuchten, die ich am kaiserlichen Hofe vorfandund über deren Tragweite und Tragik ich mir von vornherein vollkommenim klaren war. Wilhelm II. war eine in sich widerspruchsvolle Natur.Fürst Guido Henckel-Donnersmarck pflegte zu sagen, der Kaiser erinnereihn an einen Würfelbecher, in dem die Würfel sich gegeneinander stoßen.Er sei keine einheitliche, in sich geschlossene, harmonische Individualität,in der sich alle Eigenschaften gegenseitig durchdringen, wie bei dem che-mischen Prozeß der Amalgamierung sich widerstrebende Stoffe und Ele-mente verbinden. Alle Minister, und ich wahrlich nicht am wenigsten,