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GEISTER UND GESPENSTER
bemessen sei, unmittelbar nacb der ersten Szene abreisen. Die Kaiserinmüsse durcb die Gefahr, ihn zu verlieren, zur Besinnung gebracht werden.In einem späteren Brief hob Eulenburg hervor, daß „die großen Szenen" vonSeiten der Kaiserin sich häuften. Ihre Nerven bedürften der Gesundung,auch äußerlich sei schon eine Wirkung der zerstörten Nerven zu sehen indem runzligen, früh gealterten Gesicht und den grauen Haaren. Der Kaiserhätte zu ihm, Eulenburg gesagt: „Eine Kur müsse auch deshalb gemachtwerden, weil ich meine Ruhe brauche... Es ist eine Pflicht, die Ich habe,für Meine Ruhe zu sorgen." Eulenburg wiederholte immer wieder, es müssedurch eingreifende und vielleicht für die arme Kaiserin momentan schmerz-liche Maßregeln das Familienglück „gerettet" werden, mußte aber selbsthinzufügen, daß große Vorsicht geboten sei, um die Kaiserin nicht völligkrank zu machen oder zu einem Verzweiflungscoup zu treiben.
Am 25. September schrieb Phili, er habe, gepeinigt von Brand-phantasien, wie er sie zuletzt in Liebenberg gehabt hätte, miserabel ge-schlafen. Der Kaiser habe einen starken Schnupfen. „Ansteckung von derKaiserin!" Am Abend wäre von Gedankenübertragung die Rede gewesen,der Kaiser habe über die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Lebendenund Geistern gesprochen. „Alles bleibt ziemlich passiv und vorsichtig,doch eher zustimmend. Admiral Hollmann zeigte sich als unverhüllter An-hänger des Spiritismus." Offenbar um mich nicht zu beunruhigen, fügteEulenburg hinzu, er habe, um der Konversation über Geisterund Gespensterein Ende zu setzen, eine scherzhafte Geschichte über einen Geist erzählt,der eine gefüllte Kompottschüssel getragen habe. „Damit wendet sich dieUnterhaltung der Realität zu, deren Boden der Kaiser völlig verlorenhatte. Ich habe den Eindruck, daß der sehr kleine Kreis ruhiger, anständigerLeute nicht das Gehörte in die Provinz tragen wird."
Nach seinen Mitteilungen hatte Philipp Eulenburg immer wieder ver-sucht, auf die Entfernung der Prinzen hinzuwirken, und Seiner Majestätgeraten, die Kaiserin mit „gebildeten Damen" zu umgeben. Er war stolzdarauf, daß er den Mut gefunden hatte, dem Kaiser zu raten, wenn dieKaiserin wieder nächtliche Szenen machte, das Zimmer zu verlassen, sichin seinem eigenen Zimmer niederzulegen und die Tür abzuschließen. DerKaiser hatte dazu genickt und „sehr bedächtig" geantwortet: „Das könnteman ja versuchen, das ist kein übler Gedanke." Eulenburg fügte hinzu:„Ich gestehe, daß eine so kindliche Naivität in seiner Zustimmung zu demdoch recht nahebiegenden, einfachen Gedanken lag, daß mir recht klarwurde, zu welchem Kultus das kaiserliche Ehebett durch die Kaiserin —und durch die Kaiserin Friedrich — erhoben worden ist." Begreif licherweisewünschte Philipp Eulenburg , daß die Kaiserin nicht von solchen Gesprächenmit dem Kaiser erfahre. „Ich hoffe", schrieb er, „daß der Kaiser um seiner