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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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PAROXYSMUS DER KAISERIN

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festen Überzeugung ist, daß nicht nur für die Prinzen, sondern für dieNerven der Kaiserin eine Trennung von den beiden Prinzen eine Notwen-digkeit ist. Er findet nicht das geringste Verständnis und ist voller Notund Sorge."

Am 22. September schrieb Eulenburg weiter: ,,Ich begab mich nach demFrühstück zu der Gruft des Vorbesitzers, um die schöne Aussicht zu ge-nießen, und sah, während ich dort saß, eine Gestalt in größter Eile in denPark hinausstürzen . . . Ich wendete mich dem Weg zu und entdeckte dieKaiserin, die wie ein gehetztes Reh (ich will nicht sagen wie eine gehetzteKuh) dem Kaiser nachstürzte. Es wunderte mich wahrhaftig, daß sie nichtder Schlag getroffen hat! . . . Die arme, liebe Kaiserin scheint wirklich ineiner schlimmen Nervenverfassung zu sein! Nachmittags fuhren wir nachBraunsberg und Tilsit . Der Kaiser nahm mich sofort in sein Coupe, und esbegann ein recht peinlicher, trauriger Herzenserguß. Ich willdas herausheben,was ich für das Wichtigste halte, denn diese Dinge werden für die nächsteZeit leider sehr bestimmend, sehr eingreifend in das Privatleben des Kaiserseinschneiden und möglicherweise auf dem Nervenwege bedeutsam fürdie Politik werden. Die Kaiserin hatte die ganze Nacht Szenen gemachtmit Weinen und Schreien . . . Ein vollständiger Paroxysmus!" Im An-schluß hieran schilderte mir Eulenburg dieRatlosigkeit" des Kaisers, dendiese Krisen und Szenen ,,tot"machten. Er könne es nicht länger aushalten,die Kaiserin sei krank durch eine unmögliche Tageseinteilung. Sie könnenichtbürgerliche" Mutter, zärtliche Gattin und regierende Kaiserin zu-gleich sein. Eulenburg behauptete, der Kaiser habe zu ihm gesagt:SageMir um Gottes willen, wie da zu helfen ist, denn der Gedanke, die armeKaiserin in einer Kaltwasserheilanstalt endigen zu sehen, ist entsetzbeh."Eulenburg hatte erwidert, man müsse leider bei der Kaiserin eine momen-tane Erkrankung des Nervensystems annehmen. Es handle sich nur dar-um, das ärztliche Mittel zu finden, die Heilung herbeizuführen. Die poli-tische äußere Lage, die innere nicht minder, sei so entsetzlich schwierig,daß sie die äußerste Kaltblütigkeit und Ruhe des Kaisers erfordere. Ver-liere er die Ruhe im Hause durch gestörte Nächte und Szenen aller Art, soleide nicht nur er, sondern auch der Staat durch seine gesteigerte Nervosität.Es müsse Wandel geschaffen werden. Die Eingeweihten würden die etwagetroffenen Maßregeln sicherlich nur als Schutz für Seine Majestät undniemals als eine Wendung gegen Ihre Majestät auffassen. Eulenburg hattedann einerseits die Trennung der Kaiserin von den Söhnen August Wilhelm und Oskar, so daß sie nur den jüngsten Prinzen Joachim und die Prin-zessin bei sich behielt, andererseits einen längeren Aufenthalt in stiller undguter Luft empfohlen. Der Kaiser könne dann in gewissen Zeiträumen zuihr fahren, müsse jedoch, auch wenn der Aufenthalt für vierzehn Tage