EUGEN RICHTERS KRANKER BRUDER
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gelächter seinen Platz räumen müssen. Aber schon in jenen nicht nur fürDeutschland, sondern auch für die Pflege der deutschen Sprache und derdeutschen Redekunst glücklicheren Zeiten bei Beginn des Jahrhundertsfiel mir auf, wie wenig Replik den meisten deutschen Volksboten zu Gebotestand. Namentlich auf ironische Wendungen wußten sie fast nie etwas zuerwidern. Ein alter Pariser Witz, ich glaube, er stammt von Alphonse Karr ,behauptet, ein deutscher Besucher von Paris habe einmal ohne sichtbarenGrund nachmittags zwischen drei und vier Uhr laut zu lachen begonnen.Von französischen Freunden über den Grund dieser plötzlichen Heiterkeitbefragt, habe er erwidert: nun erst hätte er den Witz verstanden, den ergestern abend im Theater gehört habe. Sarkastische Wendungen im Rede-gefecht werden bei uns im Parlament zunächst kaum begriffen. Erst wenndie Presse sie unterstrichen hat, werden sie erfaßt und je nach dem Partei-standpunkt als vorzüglicher Witz beifällig belacht oder als frivoler Scherzmit Entrüstung zurückgewiesen.
Während der Diskussion über die nach der Meinung der Opposition,insbesondere auch der freisinnigen, zu späte Einberufung des Reichstagslegte, vom Hause und von den Tribünen unbemerkt, ein mir persönlichnicht bekannter Abgeordneter ■— ich hörte später, es wäre ein Sozialist ge-wesen — einen Zeitungsausschnitt vor mich auf den Tisch. Als ich ihn zurHand nahm, sah ich, daß es ein Artikel war, den die „Freisinnige Zeitung",das Organ des Abgeordneten Richter, im Sommer über die Frage der Ein-berufung des Reichstags gebracht hatte und der, wenn auch in verklausu-lierter Form, ein Zusammentreten der Volksvertretung schon im Sommerfür unangebracht erklärte. Ich benutzte sogleich diese Auslassung, um denFührer der Freisinnigen unter großer Heiterkeit des Hauses in Widerspruchmit sich selbst zu setzen*. Am nächsten Tage erzählte mir ein Parteifreundvon Eugen Richter , der fragliche Aufsatz der „Freisinnigen Zeitung" seiallerdings von Eugen Richter selbst geschrieben worden. Der Grund für seinEintreten gegen eine frühere Einberufung des Reichstags mache aber demguten, ja weichen Herzen des nach außen so bärbeißigen Demokraten nurEhre. Sein Bruder sei von einem schweren, qualvollen und unheilbarenLeiden befallen worden, und der Wunsch, ihm während der letzten Wochenseines Lebens in dessen Todesstunde nahe zu sein, habe ihn zum Wider-spruch gegen eine frühere Einberufung des Reichstags veranlaßt. Ich ließHerrn Richter sofort wissen, daß, wenn dieser Sachverhalt mir bekanntgewesen wäre, ich ihn wegen dieser Frage nicht angegriffen und ihn nament-lich nicht zum Objekt der Heiterkeit des Hauses gemacht haben würde.Herr Richter dankte mir persönlich, als ich ihm einige Tage später im
* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 143; Kleine Ausgabe I, S. 161.30 Bülow I