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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE HUNNENBRIEFE

Couloir des Reichstags begegnete. Ich habe oft gedacht, wie anders manchesin Deutschland verlaufen wäre, wenn Fürst Bismarck seinen Gegnern gegen-über hier und da den Menschen hervorgekehrt hätte, nicht nur den uner-bittlichen politischen Antagonisten. Ich bin überzeugt, daß ein so gewaltigerMann, dessen Größe ja nicht zu bestreiten war, Richter und Lasker, Windt-horst und Rickert menschlich hätte näherkommen können. An politischemKampf würde es auch dann natürlich nicht gefehlt haben, aber er wäre nichtso gehässig, nicht so giftig geführt worden, wie dies bei uns vielfach derFall war. Im Gegensatz zu manchen anderen linksstehenden Politikernhatte August Bebel Sinn für das Komische. In seinen Reden trat dies nurselten hervor, dazu war er zu pathetisch, auch zu fanatisch. Aber als ichseinen heftigen Klagen über die angebliche Grausamkeit deutscher Soldatenin China das für unsere Soldaten günstige Zeugnis des chinesischen Ge-sandten in Berlin gegenüberstellte und daran die Bemerkung knüpfte, daßhinsichtlich der Beurteilung chinesischer Vorgänge der chinesische Ge-sandte mir mehr Vertrauen einflöße als er, denn der sei doch ein geborenerChinese, Bebel aber nur ein freiwilliger Chinese, ein Chinese aus Wahl-verwandtschaft*, quittierte Bebel diese Wendung mit ungekünstelterHeiterkeit. Meine Verteidigung der Ehre und des guten Rufs unsererbraven Soldaten fand übrigens den Beifall der großen Mehrheit des Reichs-tags. Es war ja auch nur in Deutschland möglich, daß die sozialistischePresse sich bestrebte, die Soldaten des eigenen Landes durch Veröffent-lichung angeblicher Soldatenbriefe aus China im Lichte grausamer Bar-baren erscheinen zu lassen. Daß die sozialistische Presse diese zum größtenTeil ohne Frage erfundenen Briefe alsHunnenbriefe" bezeichnen konnte,war die Folge der bedauerlichen Entgleisung des Kaisers in seiner Bremer-havener Rede vom 27. Juli 1900. Aber ein solches Beschmutzen des eigenenNestes, wie sich dies damals unsere sozialdemokratische Presse leistete,wäre in keinem anderen Lande von der öffentlichen Meinung geduldetworden.

* Fürst Biilows Reden, Große Ausgabe I, S. 151; Kleine Ausgabe I, S. 171.