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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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LORD BÜLOW"

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in einer deutschen Stadt so begeistert empfangen worden wäre wie jetztOhm Krüger" in Köln . Es war die einzige Zeit meiner ministeriellenTätigkeit, wo ich von polizeilicher Seite ernstlich darauf aufmerksamgemacht wurde, daß es zu Attentaten gegen mich kommen könnte, weil ichals Feind der Buren gälte. Selbstverständlich machten diese Warnungenmir keinen Eindruck. Wurde ich damals von einem Burenschwärmer um-gebracht, so starb ich in Erfüllung meiner Pflicht und für das Wohl desdeutschen Volkes. Also ein anständiger und schöner Tod. In manchenZeitungen wurde ich damals abwechselndLord Bülow" undViscountBülow" genannt. Das sollte blutiger, vernichtender Hohn sein. Unter denZeitungen, die mich mit solchen Wendungen angriffen, befanden sich einige,die mir später vorwarfen, ich hätte die Beziehungen zu England eifrigerpflegen sollen. Bevor ich am 10. Dezember 1900 das Wort ergriff, machteder Präsident des Reichstags, Graf Ballestrem, ein verständiger Mann, dermir mit aufrichtigem Wohlwollen gegenüberstand, mich darauf aufmerksam,daß ich das Haus nicht reizen möge; die große Mehrheit mißbillige durchausmeine nach ihrer Ansicht für England viel zu freundliche Politik. Ich ließmich dadurch nicht abhalten, den von mir eingenommenen Standpunktklar und deutlich zum Ausdruck zu bringen.

Erschwert wurde mir meine Stellungnahme durch die Depesche, die vormeiner Übernahme der auswärtigen Geschäfte anläßlich des Einfalls von Nochmals dieJameson in die Südafrikanische Republik der Kaiser an den Präsidenten Krüger-Krüger gerichtet hatte und die ich bereits an anderer Stelle gewürdigt Depeschehabe. Von wem war die Initiative zu diesem Telegramm ausgegangen?Marschall hat mir wiederholt versichert, er habe seine Zustimmung nurgegeben, weil der Kaiser sonstnoch viel ärgere Dummheiten" gemachthätte. Wunsch und Absicht des Kaisers wäre damals gewesen, den Konfliktzwischen der Burenrepublik und der englischen Kapkolonie zulokali-sieren". Seiner Majestät hätte 1896 die phantastische Idee vorgeschwebt,mit den Buren ein Schutz- und Trutzbündnis abzuschließen und an ihrerSeite in Afrika gegen die Engländer zu fechten; in Europa aber habe er mitEngland Frieden halten wollen. Der Kaiser wäre, nach Marschall , damalsso sehr Feuer und Flamme für die Buren gewesen, weil er den Vorstoß vonJameson auf seinen Onkel, den Prinzen von Wales , und dessen kapitalisti-sche Freunde, Beit und Sir Ernest Cassel , nebenbei gesagt zwei deutscheIsraeliten, zurückgeführt hätte. Marschall beteuerte mir immer wieder,er hätte das Telegramm an Krüger nur durchgelassen, um Schlimmeres zuverhüten. Andererseits hat mir Wilhelm II. nach den Novemberereignissenvon 1908, als er über die Ungerechtigkeit des deutschen Volkes ihm gegen-über bewegliche Klage führte, gesagt, daß er zu dem Krüger-Telegrammvon Marschall, Hohenlohe und dem damaligen Direktor der Kolonial-