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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE BURENBEGEISTERUNG

Kaiser war sehr erfreut. Ihm lag in diesem Augenblick vor allem daran,seine englischen Verwandten, für die er abwechselnd schwärmte, um dannwieder in eine gereizte Stimmung gegen dieverfluchte family" zu verfallen,nicht vor den Kopf zu stoßen. Nach Berlin zurückgekehrt, wies ich denkaiserlichen Gesandten in Luxemburg Herrn von Tschirschky an, sich nachKöln zu begeben, um dem Präsidenten Krüger im Auftrage des Kaisersin höflicher und freundlicher Form mitzuteilen, daß Seine Majestät ihnnach seinen bereits getroffenen Dispositionen nicht empfangen könne.Infolgedessen reiste Krüger zwei Tage später von Köhl direkt nach demHaag.

Es war von jeher ein Fehler des deutschen Volkes, sich für fremdeStimmung der Interessen zu erhitzen und Vorgänge außerhalb unserer Grenzen mit demÖjßeiitlichkeit Gemüt zu beurteilen, statt an sie ledighch den kühlen Maßstab des deutschen Interesses zu legen. Während des polnischen Aufstands von 1830 schwärmtedas deutsche Volk für dieedlen" Polen, denen deutsche Dichter, der ge-niale August Platen an der Spitze, gerührte und begeisterte Verse widmeten.1848 nahm ein großer Teil der deutschen Nationalversammlung in derFrankfurter Paulskirche Partei für die Aspirationen der Polen , die in-zwischen auf die Deutschen in Posen und Westpreußen schössen. Die Be-geisterung für den Prinzen Alexander Battenberg, Fürsten von Bulgarien ,war in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Deutschland allge-mein, obwohl dieser Prinz nie einen Finger für deutsche Interessengerührt hatte und obschon unser Verhältnis zu Rußland und dessen KaiserAlexander III. weit wichtiger war als die unsicheren und schwankendenBeziehungen zu dem battenbergischen Bulgarien . Zur Verteidigung derBurenschwärmerei wurde vielfach darauf hingewiesen, daß die Buren alsHolländer eigentlich Deutsche wären. Nun sind die Holländer ein tüchtigesund ausgezeichnetes Volk mit einer ruhmvollen Geschichte. Sie haben sichaber schon vor Jahrhunderten freiwillig vom Deutschen Reich getrenntund sich immer gegen jede nähere wirtschaftliche, politische oder gar mili-tärische Verbindung mit Deutschland gesperrt, was ihnen von ihrem Stand-punkt aus auch gar nicht übelzunehmen ist. Speziell die Buren hegten füruns Deutsche keine besonders lebhaften Sympathien. Deutsche , die sich inihrem Lande niederließen, wurden nicht allzu freundlich aufgenommen,und im Weltkrieg focht die Mehrheit der Buren auf englischer Seite undfiel mit den Engländern in unsere Kolonien ein. Aber alle Erwägungenruhiger Vernunft verhinderten nicht, daß die Mehrheit der Deutschen infolge des Vorgehens der Engländer gegen die Buren in einen wahrenTaumel von Begeisterung für die Buren und Entrüstung, Feindschaft undHaß gegen England geriet. In einem burenfreundbchen Blatt las ich, daßnie ein Mensch, auch kein Deutscher, auch Wühelm I. und Bismarck nicht.