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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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OHM KRÜGER WILL NACH BERLIN

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fangreichen Ressorts in staunenswerter Weise. Es wurde ihm mit Rechtnachgesagt, daß er der einzige Mensch in Deutschland wäre, der alle Be-stimmungen nicht nur der Gewerbeordnung, sondern auch sämtlicher Ver-sicherungsgesetze kenne. In jedem Lande der Welt würden seine Kenntnisseund seine Leistlingsfähigkeit ihm eine hervorragende Stellung gesicherthaben. Aber von ihm galt das Wort, das in der Apokalypse an den Engelder Gemeinde zu Ephesus gerichtet wird:Ich weiß deine Werke und deineArbeit, und bist nicht müde geworden, aber ich habe wider dich, daß dudie erste Liebe verlassest." Es fehlten dem in so mancher Hinsicht ausge-zeichneten Manne die Liebe, die menschliche Güte, das Herz. Wie er hartwar mit seiner originellen, gar nicht weltklugen, aber gescheiten undherzensguten Frau, so war er es auch mit den Menschen, mit denen ihndas Schicksal zusammenführte. Vielleicht war es der lange Kampf umsDasein, der einen harten Panzer um sein Herz gelegt hatte. Er hatte eineschwere Jugend gehabt und sich ohne Konnexionen, ohne Vermögendurchschlagen müssen. Er konnte sich auf das Wort des Tacitus berufen:Eo immitior, quia toleraverat."

Wenn es mir bei der rednerischen Unbeholfenheit der meisten deutschen Volksvertreter nicht schwer fiel, die Entgleisungen des Kaisers vor demReichstag wieder einzurenken, leider damit noch nicht vor Europa , undwenn mir auch die Rettung des Grafen Posadowsky gelang, so lagen hin-sichtlich der Burenfrage die Dinge verwickelter. Am 19. Oktober 1900 hattesich der Präsident Krüger in Laurenzo Marques nach Europa eingeschifft.Am 2. Dezember traf er in Köhl ein, um sich von dort nach Berlin zu be-geben. Die Kölner bereiteten ihm einen enthusiastischen Empfang. Als derKaiser die Nachricht in den Morgenblättern gelesen hatte, bat er michsogleich nach dem Neuen Palais und sagte mir in großer Erregung: gleich-zeitig mit der Kunde von der Ankunft des Präsidenten Krüger in Deutsch-land habe er ein Telegramm seiner Großmutter, der Königin Victoria , er-halten, in dem sie ihn dringend bäte, im Interesse guter Beziehungenzwischen dem deutschen Volk und dem englischen Volk, die ihr sehr amHerzen lägen, den Präsidenten nicht zu empfangen. Ich erwiderte, daß beialler Verehrung für die weise und deutschfreundliche Königin die Rücksichtauf die Großmutter Seiner Majestät meine politischen Entschließungenund Ratschläge nie beeinflussen würde. Aber ohne Rücksicht auf das Tele-gramm Ihrer Großbritannischen Majestät, von dem ich Seine Majestätbäte nach außen nichts verlauten zu lassen, wäre ich der Ansicht, daß imInteresse freundlicher und friedlicher Beziehungen zwischen Deutschland und England, also auch im deutschen Interesse, der Kaiser besser tunwürde, den Präsidenten Krüger nicht zu empfangen. Ich würde diesenStandpunkt im Reichstag ohne Zögern und mit Nachdruck vertreten. Der