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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EINE LEICHENFEIER

ich nicht zurück. Solchen Treibereien und Machenschaften räumte ichkeinen Einfluß ein auf meine amtlichen Entschließungen. Im übrigen könntedie Sozialdemokratie versichert sein, daß ich keine Neigung empfinde, ihrje wieder ähnlichen Agitationsstofl" zuführen zu lassen.

Etwa acht Tage nach dieser meiner Erklärung, durch die ich das ministe-Tod rielle Leben meines Kollegen Posadowsky um sieben Jahre verlängerte,Woedtkes ersuchte mich der Ministerialdirektor von Woedtke um eine Unterredung.

Ich sah einen gebrochenen Mann vor mir. Mit allen Zeichen nicht sowohlder Erregtheit als tiefen Schmerzes sagte er mir, er habe das Bedürfnis,sich vor seinem obersten Vorgesetzten moralisch zu rechtfertigen, ohnedaran irgendein Ersuchen zu knüpfen. Als dieLeipziger Volkszeitung "das Schreiben des Herrn Bueck veröffentlicht hätte, habe Graf Posadowskyihn sofort kommen lassen und ihm gesagt: Wenn dieser Vorwurf des sozial-demokratischen Blattes auf ihm, dem Minister sitzenbleibe, wäre seineamtliche Zukunft vernichtet. Er, Woedtke, möge die Verantwortung aufsich nehmen. Einerseits gehöre die ganze Angelegenheit in sein Ressort,andererseits würde der Vorfall ihm als einem mehr im Hintergrundestehenden Beamten weiter nicht schaden. Daraufhin habe er, Woedtke,seine Zustimmung gegeben, daß in der Richtigstellung derBerlinerKorrespondenz" auf ihn als Anreger und Vermittler des Gesuches um dieSumme von 12000 Mark hingewiesen würde. Nachdem er nun derartigzum Sündenbock gestempelt worden sei, habe Graf Posadowsky sich auchäußerlich von ihm abgewandt und ihm sogar verboten, sich weiter imReichstag und in den Reichstagskommissionen zu zeigen. Ich habe selteneinen Mann vor mir gesehen, der mir so tiefes Mitleid einflößte wie dieserlanggediente, wohlverdiente und zweifellos durch und durch ehrenhafteBeamte. Herr von Woedtke starb einige Wochen später, nicht, wie ge-tuschelt wurde, durch Selbstmord, aber infolge seebscher Erschütterung.Als unter den Kollegen des Grafen Posadowsky die Frage erörtert wurde,ob dieser der Leichenfeier seines Untergebenen beiwohnen würde, meinteeiner der Minister, es wäre besser, daß Posadowsky nicht im Trauerhauseerschiene. Sonst könnte es ihm ergehen wie Hagen , als der an die Leichevon Siegfried trat imd dessen Wunden wieder zu bluten anfingen.

Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht,Wenn man den Mordbefleckten bei dem Toten sieht,So bluten ihm die Wunden

heißt es im Nibelungenlied.

Graf Arthur Posadowsky war ein Mann von vielen und starken Vorzügen.Ich habe selten, selbst in Deutschland , dem Land der Arbeit, eine ähnlicheArbeitskraft gesehen. Er beherrschte alle Zweige und Materien seines um-