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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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meine Bemühungen nichts, ein gutes Verhältnis zu England herzustellen.Die Engländer werden sich sagen, daß gegenüber einer derartigen Stim-mung im deutschen Volk auch die besten Absichten der Regierung wenigbedeuten." Nicht ohne Würde erwiderte mir Herr Dr. Ernst Hasse:AlsVolksvertreter habe ich wie das Recht so die Pflicht, den Gefühlen desdeutschen Volkes rückhaltlosen Ausdruck zu geben. An Ihnen, Exzellenz,als dem Minister, ist es, dafür zu sorgen, daß unsere diplomatischen Be-ziehungen darunter nicht leiden." Ich muß sagen, daß mich diese Antwortbetrübte, denn nie wurde mir klarer, wie unpolitisch der Deutsche ist.Der deutschen Menschheit ganzer Jammer faßte mich an, als der Ab-geordnete Hasse so sprach, während seine Damen bewundernd zu ihm auf-blickten. Als ich ihm am nächsten Tage im Reichstag auf weitere, sehrheftige Angriffe von seiner Seite antwortete, sagte ich:Der Politiker istkein Sittenrichter. Er hat lediglich die Interessen und Rechte seines eigenenLandes zu wahren. Vom Standpunkt der reinen Moralphilosophie kann ichauswärtige Politik nicht treiben und vom Standpunkt der Bierbank auchnicht." Das Wort von der Bierbank wurde mir sehr übelgenommen. Icherhielt eine große Anzahl meist anonymer Briefe, in denen dies zum Aus-druck kam. Sie wanderten alle in den Papierkorb. Aber auch von einemklugen und erfahrenen Freunde wurde mir geschrieben, daß die deutschenKannegießer, also ein sehr erheblicher Teil des deutschen Volkes, mir dasWort von derBierbank" nicht verzeihen würden.

Sobald es mir geschäftlich möglich war, trat ich meine Rundreise bei denBesuch größeren deutschen Höfen an. Als Staatssekretär hatte ich es absichtlichin München vermieden, sie aufzusuchen. Später waren die Staatssekretäre nicht mehrso bescheiden.Die Ordensreise" nach Süddeutschland wurde zum erstenProgrammpunkt jedes Ressortchefs nach der Geschäftsübernahme. EineAusnahme hatte ich vor meiner Ernennung zum Reichskanzler nur zu-gunsten des badischen Hofes gemacht, von dem ich eine Einladung des mirbesonders freundlich gesinnten Großherzogs Friedrich schon früher ange-nommen hatte. Jetzt sagte ich mit dem Hirten Damoetas in den Eklogen:Ab Jove principium!" und suchte zunächst den Münchener Hof auf.

Der damals schon fast achtzigjährige Prinzregent empfing mich ingütiger Weise und stattete mir unmittelbar nachher einen persönbchenBesuch im HotelZum Bayrischen Hof" ab, wo er in glänzender Rüstig-keit die zwei Treppen erstieg, die zu meinen Zimmern führten. Dort an-gelangt, überreichte er mir den Hubertusorden mit den Worten:Das istmein Dank für die Entschiedenheit, mit der Sie meine Jura circa sacravor dem Reichstag gewahrt haben." Im ersten Augenblick verstand ichnicht recht, welches besondere Verdienst ich mir um Bayern und um dasHaus ^ ittelsbaeh durch meine Haltung in der Reichstagssitzung vom