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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DANK DES HAUSES WITTELSBACH

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5. Dezember erworben hatte*. In dieser Sitzung war ein vom Zentrum ein-gebrachter Antrag verhandelt worden, wonach jedem Reichsangehörigeninnerhalb des Reichsgebiets volle Freiheit des Rehgionsbekenntnisses,der Vereinigung zu religiösen Gemeinschaften sowie der gemeinsamenhäuslichen und öffentlichen Religionsübung zustehen solle. Dieser Antragbezweckte, der von mir durchaus gemißbilligten differenziellen Rehandlungder Katholiken in Braunschweig und namentlich im Königreich Sachsenentgegenzutreten. In meiner Antwort* hatte ich hervorgehoben, daß ichdie Uberzeugungen und Gefühle, die dem Antrag des Zentrums zugrundelägen, verstehe und achte, jedoch außerstande wäre, einem Vorschlag zuzu-stimmen, der die verfassungsmäßige Selbständigkeit der Bundesstaaten aufeinem Gebiet beschränken wolle, das der Zuständigkeit der Landesgesetz-gebung vorbehaltlich bleiben müsse. Ich ahnte nicht, wie sehr ich damiteiner bayrischen Haustradition entgegengekommen war. Die DynastieWittelsbach beanspruchte, gestützt auf ihre Haltung in und nach derReformationszeit, eine Art Schutzstellung über die katholische Kirche ,deren Wesen sich in dem den gallikanischen Artikeln entnommenen Be-griff der Jura circa sacra ausprägte. Sie fühlte sich gegenüber dem Epi-skopat in der Position, die einst einem Gutsherrn gegenüber dem Patronats-klerus seines Kirchensprengels zukam. Über die Wahrung dieser von derKirche mit Sanftmut, aber Zähigkeit bekämpften Stellung wachte dasHaus Wittelsbach eifersüchtig, und der ebenso maßvolle wie aufrichtigkatholische Prinzregent würde es als eine Verletzung seiner Regenten-pflichten und als Versündigung am Erbteil seiner Väter betrachtet haben,wenn seine Regierung sich nicht mit allem Nachdruck gegen den Antragdes Zentrums gewendet hätte. Fürst Bismarck wird das Wort zugeschrie-ben, der Bayer sei der Übergang vom Österreicher zum Menschen. Ich ent-sinne mich, daß ich wenige Jahre vor dem Sturz des Fürsten mit demdamaligen Legationsrat Graf Louis Arco im Bismarckschen Hause.Arco war sehr witzig. Er hatte die Gabe, den Fürsten aufzuheitern. Daßer seine witzigen Bemerkungen mit ernster Miene und in feierlichem Tonevorbrachte, erhöhte noch ihre Wirkung. Bei jenem Mittagessen im Bis-marckschen Hause richtete, und zwar in einem Augenblick, wo allgemeinesSchweigen herrschte, Arco die Frage an den Kanzler, ob er ihn um dieInterpretation einer seiner bedeutsamsten Auslassungen ersuchen dürfe.Als der Fürst zustimmend nickte, fragte Arco weiter:Haben Eure Durch-laucht eigentlich gesagt, daß der Bayer der Übergang vom Österreicher zumMenschen wäre, oder umgekehrt gemeint, der Österreicher sei der Übergangzwischen dem Menschen und dem Bayern ? Die erstere Version wäre für

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 159.