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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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KÖNIG ALBERT UND BISMARCK

der Niederlage von Königgrätz, wo die Sachsen sich glänzend geschlagenhatten, die österreichische Armee nicht gänzlich aufgerieben wurde. Dergroße Anteil, den er als Kommandeur der Maasarmee an dem Siege vonSedan, dem stolzesten Siege der ganzen deutschen Geschichte, gehabt hat,war jedermann bekannt. Die Eigenschaften, die den Feldherrn Albert vonSachsen auszeichneten: unerschütterliche Ruhe, Klarheit, Festigkeit,Geistesgegenwart, machten aus ihm auch einen hervorragenden Staats-mann. Das war von Fürst Bismarck erkannt und anerkannt worden, denmit dem Sachsenkönig langjährige, auf beiden Seiten aufrichtige Freund-schaft verband. König Albert hat mir viel und interessant über Bismarck gesprochen. Ich entsinne mich, daß er mir einmal von dem Versöhnungs-diner erzählte, das im Herbst 1866 in Berlin nach wiederhergestelltemFrieden zwischen Preußen und Sachsen im königlichen Schloß stattfand.Oben an der langen Tafel saßen der alte König Wilhelm und der alte KönigJohann. Sie waren Verwandte, sie waren Altersgenossen. Viele Jahre ihresLebens hatten sie in ungetrübter Freundschaft nebeneinander gestanden.Dann riß sie 1866 die Politik und das Genie von Bismarck auseinander, undnun fanden sie sich wieder, der König von Preußen als Sieger, der Sachsen-könig als Besiegter. In wahrer, echter Herzensgüte, mit dem ihm eigenenTakt war König Wilhelm bemüht, dem König Johann den Ubergang in dieneuen Verhältnisse zu erleichtern, begreifliche Bitterkeit zu verscheuchen,ihm zu zeigen, daß sein, des Königs Wilhelm Herz noch ebenso warm undaufrichtig für ihn schlage wie früher. Am anderen Ende der Tafel saßen derpreußische Ministerpräsident Graf Bismarck und der sächsische Minister-präsident Freiherr von Friesen nebeneinander. Da sagte mit einem nach-denklichen Blick auf die beiden Monarchen Bismarck zu seinem sächsischenKollegen:Sie haben es gut! Sie haben es mit einem hochgebildeten, sogarmit einem gelehrten Fürsten zu tun, der den Dante metrisch übersetzt hat,der sich den Beinamen Philaletes zulegte, der Kunst und Wissenschafthochhält. Nun sehen Sie sich aber einmal den alten Infanterieoberst an,mit dem ich zu tun habe." Nachdem er mir dies erzählt hatte, fuhr KönigAlbert, es war mehrere Jahre nach dem Sturz des Fürsten Bismarck , miternstem Gesicht fort:Und doch war Bismarck der größte Diener, den dasHaus Hohenzollern jemals gehabt hat, einer der größten Staatsmänner, dieje einen Souverän beraten haben! Und weil er dies erkannt hat, weil er sichniemals an diesem Bismarck hat irremachen lassen, weder durch dessenBoutaden noch durch dessen Eigenwilligkeit und Rücksichtslosigkeit nochdurch den sehr, sehr diffizilen Charakter des ersten Reichskanzlers, weiler über das alles wegsah im Interesse der Staatsräson, für den Staat, fürPreußen und für das Reich, darum war Wilhelm I. ein großer, ein sehrgroßer Herrscher. In der Geschichte wird unser alter Kaiser als ein Großer