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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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MEISSNER PORZELLAN

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fortleben. Und das Verhältnis zwischen ihm und seinem Bismarck istebenso einzig und ebenso schön wie das zwischen Goethe und Schiller ."

König Albert war, als ich ihn 1900 besuchte, schon schwerkrank. Er littan einem überaus schmerzlichen Blasenleiden, dem er kaum anderthalbJahre später erliegen sollte. Er empfing mich auf der Chaiselongue liegend,seinen Gesichtszügen waren die Schmerzen anzusehen, die ihm seineKrankheit verursachte. Aber sein Geist überwand körperliche Qual. Mitruhiger Klarheit schilderte er mir die innere und die äußere Lage, wie erbeide auffaßte. Nach außen dürften wir nicht nur aus Gründen der Loyali-tät, sondern im eigenen deutschen Interesse Österreich nicht preisgeben.Wir müßten aber einem Krieg mit Rußland so lange als irgend möglich aus-weichen, denn bei einem solchen sei wenig zu gewinnen und viel zu verlieren.,,Le jeu ne vaut pas la chandelle." Der König war von der Richtigkeit undNotwendigkeit unseres Flottenbaues überzeugt. Ein Krieg mit England erschien ihm aber vielleicht noch bedenklicher und, rein politisch gesprochen,noch überflüssiger als ein Zusammenstoß mit Rußland . Wir müßten dienötige Defensivstärke zur See erlangen, ohne daß die Engländer unserenHandel und unsere Schiffahrt entzweischlügen, solange sie dies ohne Risikofür sich selbst vermöchten.Wir gehen in dieser Beziehung einen schmalenund schlüpfrigen Weg. Aber für ein scharfes Auge, einen festen Fuß undein tapferes Herz ist alles möglich freilich nur, wenn die nötige Vorsichtund Geschicklichkeit dazukommen." Die sozialdemokratische Bewegungwar für König Albert, dessen Land bei seiner wirtschaftlichen Strukturganz überwiegend auf die Industrie angewiesen und der soziabstischenWühlarbeit besonders ausgesetzt war, ein Gegenstand großer und ernsterSorge. Er war aber zu einsichtig, auch zu feinfühlig, um die Rettung nurvon der Gewalt zu erwarten. Selbst abgesehen von der Frage, ob KaiserWilhelm II. der Mann sein würde, einen Staatsstreich durchzuführen,stand für ihn in erster Linie der Gedanke: Et apres ? Wie in der auswärtigen,so läge auch in der inneren Politik das Heil in Kaltblütigkeit und ruhigerFestigkeit.Wenn Sie das unserem guten Kaiser nach und nach klar-machen, so erwerben Sie sich dadurch ein ganz großes Verdienst." Wie vonfast allen deutschen Fürsten , wie von Bismarck, wie von fast allen unserenälteren Staatsmännern wurde auch von König Albert die richtige Behand-lung des Kaisers als die wichtigste Aufgabe des Reichskanzlers angesehen.Sie sollen die glänzende Begabung des Kaisers für das Reich, für uns alleverwerten, aber gleichzeitig der Riesengefahr vorbeugen, daß seine Fehlerund Schwächen, daß die bedenklichen Seiten seines Charakters uns zu-grunderichten." Neben König Albert stand, während er so mit mir sprach,ein hübscher Tisch aus Meißner Porzellan, auf dem er seine Unterschriftengab, die von Zeit zu Zeit ein Sekretär ihm brachte. Die Gemahlin des