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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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ERNI

repräsentativen Pflichten seiner Stellung mit Würde und Liebenswürdigkeitzu erfüllen, das Regieren aber seinen Ministern überheß. Fürst Bismarck erzählte gern die Anekdote von dem Kurfürsten von Hessen , der zu seinemLeidwesen vernahm, daß sein Schwager, ein Herzog von Anhalt, von einemSchlaganfall betroffen worden war. Er entsandte seinen Leibmedikus zuseinem Schwager, um diesen sorgsam zu untersuchen und dann genauenBericht zu erstatten. Als der Leibarzt zurückkam, fragte ihn der Kurfürst:Kann mein Herr Schwager noch hören ?" Die Antwort lautete verneinend.Kann er noch sehen?" Wieder erfolgte eine verneinende Antwort.Kanner noch sprechen ?" Auch diese Frage wurde kategorisch verneint.Das istja schrecklich!" rief der Kurfürst.Dann wird mein Schwager ja abdankenmüssen." Beruhigend entgegnete der Leibarzt:0 nein, zum Regierenreicht es noch aus." AlsErni" Hohenlohe nach allerlei Intrigen aufWunsch des Kaisers 1905 zur Leitung der Kolonialabteilung berufen wurdeund mehr als repräsentieren sollte, warf er vollständig um. Als Vizepräsidentdes Reichstags sollte er sich später gleichfalls nicht gerade mit Ruhmbedecken.

Fürst Chlodwig Hohenlohe nahm auch nach seinem Rücktritt Anteil anBrief der Politik. Um die Jahreswende schrieb er aus Schillingsfürst an Holstein,des Fürsten der j}j m se j^ seiner Pariser Botschafterzeit nahestand:Verehrter Freund,Hohenlohe h erz ii cnen Dank für Ihr freundbches, ausführliches Schreiben in derKrügersache. Nun bin ich vollkommen beruhigt. Vernünftige Leute inSüddeutschland sehen sehr gut ein, daß die Sache ernst ist und daß wir vorder Wahl stehen, entweder mit England Krieg zu führen, bei dem unsRußland und Frankreich natürbch im Stich lassen würden, oder die Burenihrem Schicksal zu überlassen. Was sich für Krüger begeistert, sind Radau-menschen, die der Regierung Schwierigkeiten bereiten wollen, oder Narrenwie mein Schwager Salm, der meine Schwester zu törichten Demonstrationentreibt. Bedauerbch ist die Ungeschicklichkeit unserer Pobzei in Köln, diedann der Regierung zur Last geschrieben wird. Ich gehe Montag nachMünchen, besuche den Prinzregenten und fahre dann nach Meran weiter.Hier fängt es an ungemütbch zu werden. Der Sturm macht sich mir imBette fühlbar. Die Notiz über Miquels Bbndekuhspiel hat mich sehr ergötzt.In freundschaftbcher Ergebenheit. Ch. Hohenlohe." Seiner Abneigunggegen Miquel bbeb Hohenlohe bis zum Schluß seines Lebens treu. Schheß-lich sollten die beiden alten Männer fast um dieselbe Zeit zur großen Armeeabberufen werden: Chlodwig Hohenlohe zweiundachtzigjährig am 6. Jub,Johannes Miquel dreiundsiebzigjährig am 8. September 1901. Omnes eodemcogimur.

Ich hatte nach meiner Ernennung zum Reichskanzler den Wunsch nichtaufgegeben, die ungewöhnbche Begabung des Grafen August Eulenburg