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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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HOLSTEIN UND RADOLIN

halber Engländer, der von vornherein von der unbedingten Superioritätaller englischen Sitten und Unsitten, Einrichtungen und Anschauungenüberzeugt war und alles vom englischen Standpunkt aus betrachtete, gar zuanglophil. Für die Franzosen eignete er sich besser mit seiner durch nichtszu erschütternden Dickfelligkeit, die mit Humor gepaart und von bon sensgetragen war. Die Entsendung von Radolin nach Paris hatte mancherleiBedenken. Die Fürstin Radolin, eine geborene Gräfin Oppersdorf, hatte einefranzösische Mutter, eine Talleyrand, und war mit einem großen Teil desFaubourg Saint-Germain, insbesondere mit einigen pobtisch rührigen Mit-gliedern der Familie Castellane, verwandt, was gegenüber dem in Frank-reich herrschenden republikanischen Regime nicht ohne Gefahr war. Uberdiese beruhigte mich freilich der damalige französische Botschafter inBerlin , der alte Marquis de Noailles, mit den Worten:Nos ministres actuelssavent ä peine qui fut Talleyrand! Quant aux Castellane, ils ne se doutentpas meme de leur existence." Holstein drängte so unaufhörlich, daß ichschließlich nachgab. Der eigenartige Mann hatte auch sentimentale Seiten.Zu diesen gehörte eine fast schwärmerische Freundschaft für Radolin, mitdem er in jungen Jahren als Student in Bonn zusammengetroffen war.Der kränkliche Fritz von Holstein, der unter der Obhut seiner Mutter undseiner Tante sich dem Bonner Studententreiben ebenso fernhielt wie denKönigshusaren, fühlte sich hingezogen zu dem jungen Polen , der ebensoempfand.Ich habe Sie nie um etwas gebeten", sagte mir Holstein,heutekomme ich mit einer innigen Bitte. Ich habe einen einzigen ganz gutenFreund, das ist Radolin. Setzen Sie seine Ernennung nach Paris durch,wenn nicht für ihn selbst, so doch für mich. Ich war schon Geheimer Rat,als Sie noch Attache waren. Heute sind Sie Reichskanzler und ich bin immernoch Geheimer Rat. Wo ich für mich selbst weder Beförderung noch Ordennoch irgendwelche äußere Ehren will, welche die meisten anderen anstreben,tuen Sie wenigstens etwas für meinen Freund." Als neun Jahre späterHolstein in Berlin starb, hatte Radolin, damals noch Botschafter in Paris ,wohl die Absicht, seiner Beerdigung beizuwohnen. Er setzte sich in Paris in die Eisenbahn und fuhr bis Köln . Dort angelangt, dachte er mit dem Groß-onkel seiner Frau, dem Fürsten Talleyrand , qu'il faut se mefier du premiermouvement, car il est le bon. Er erinnerte sich daran, daß Holstein beiSeiner Majestät in Ungnade gefallen war, und kehrte in Köln wieder um.So wurde Holstein, der in seiner mißtrauischen Launenhaftigkeit währendseines Lebens sich mit so vielen alten Freunden überworfen hatte, von seinemvermeintlich einzigen wirklichen Freund nach seinem Tod im Stich ge-lassen. Daß ich, seinem Drängen nachgebend, Radolin nach Paris setzte,war übrigens einer der nicht wenigen Fehler, die ich mir in personalibusvorzuwerfen habe. Radolin war so lange und so sehr gewohnt, sich von dem