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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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KEIN FLIEGER, ABER

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viel bedeutenderen Holstein inspirieren und führen zu lassen, daß er aufdem Pariser Posten, wo in erster Linie ruhige Nerven erforderlich waren,alle meist hastigen und unüberlegten, bisweilen ganz verfehlten Wei-sungen von Holstein stante pede und verbotenus ausführte und die Situationnur mit dessen Augen sah. Da Holstein seine ihm schon in der BismarckschenZeit eingeräumte Befugnis, mit den ihm befreundeten Botschaftern durchPrivatchiffre zu verkehren, seinem geistigen Knecht Badolin gegenübermit besondrer Vorhebe ausnutzte, so sind gerade auf diesem Posten meinepolitischen Weisungen speziell in der Marokko -Frage teils verschleppt,teils umgangen, teils falsch ausgeführt worden.

Für Badolin kam nach St. Petersburg Graf Alvensleben, unter demich fünfundzwanzig Jahre früher als junger Sekretär debütiert hatte. AlvenslebenEr war kein Flieger, aber ein sicherer und pflichttreuer Beamter, der' nacndas Petersburger Terrain kannte, wo er schon in den siebziger Jahren Petersbur Sunter Prinz Heinrich VII. Beuß als Botschaftsrat gedient hatte undder die Bussen zu nehmen wußte. Seine politische Brauchbarkeit wurdeallerdings erheblich eingeschränkt, als er später als alter Junggeselle sichunter Hymens Joch beugte. Bismarck , der das glänzende Wort vonder Hypothek der Eitelkeit geprägt hat, die von dem Werte jedesMenschen abgezogen werden müsse, meinte auch einmal, daß dieBrauchbarkeit der meisten Diplomaten unter ihren Frauen litte. Ichhabe ihn in Zusammenhang mit dieser Feststellung ausführen hören, daßdie Frage zu erwägen sei, ob für Diplomaten nicht, wie für die katholischenGeistlichen, das Zölibat eingeführt werden sollte.

Der große Mann liebte geistreiche Paradoxa. Er konnte, wenn er sichüber die Volksvertretung geärgert hatte, in anscheinend vollem Ernst Bismarcksdarüber diskurrieren, ob es sich nicht empfehle, den Beichstag nach Kassel Paradoxazu verlegen.Ab nach Kassel!" wiederholte er dann lachend nochmals.Er behauptete sogar, er habe dem Kaiser vor langen Jahren einensolchen Vorschlag gemacht, wäre damit aber leider nicht durchgedrungen.Gewiß hat Fürst Bismarck teils infolge des nicht immer unbegründetenWiderspruchs seines alten Herrn, teils bei reiflicher Überlegung und ausbesserer Einsicht manchen in ihm auftauchenden Gedanken nicht aus-geführt. Er hat aber nicht selten Gedanken, die niemand für realisierbarhielt, doch zur Wirklichkeit gemacht. Als ich im Jahre 1874 als jungerAttache eines Abends im Salon der Fürstin Bismarck weilte, erschien ihrgroßer Gatte und verkündigte den Anwesenden, er werde am nächstenTage den ehemaligen Botschafter Graf Harry Arnim verhaften und ein-sperren lassen. Als ich mit dem gleichfalls anwesenden damaligen Gesandtenund späteren Botschafter Josef Badowitz die Treppe hinunterging eswar noch im alten Auswärtigen Amt , das heutige Beichskanzlerpalais war

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