EULENBURG ZITTERT
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selbst, vorübergehend, einmal eine verschiedene Auffassung einer Frageauf, so vermöchte dieses niemals trennend zu wirken. Es liegt mir daran,Ihnen dieses recht warm zu sagen. Ich hänge mit großer Zähigkeit undTreue an meinen alten Freunden — vorallenanlhnen! Mit diesem Weih-nachtsgruß schließt Ihr alter getreuer Philipp Eulenburg ." Weshalb undwodurch sich die langjährige, persönliche und politische Freundschaftzwischen Philipp Eulenburg und Holstein , die beide, jeder in seiner Weise,den Bruch zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck geförderthatten, in bittere Feindschaft verwandelt hat, habe ich nie feststellenkönnen. Bei der schrullenhaften Unberechenbarkeit von Holstein, derschwer zu fixierenden, molluskenhaften Zerflossenheit von Phili wird dasnicht leicht zu ergründen sein.
Die Briefe des letzteren an mich brachten mehr und mehr die Sorge zumAusdruck, daß der Kaiser mir meine Erfolge im Reichstag übelnehmen Weiterekönne. „Nur ein Wort", schrieb er mir, „um Dir Glück zu wünschen zu Briefe PhilisDeinen Reden, die in Wien einen außerordentlichen Eindruck machen. an ^ ü ^ owDu bist in die erste Stelle der gesamten politischen Welt gerückt.Das ist mein Eindruck. Aber ich zittere bei dem Eindruck, den mir dieimmer schärfere Wendung gegen S. M. macht. Wie diese ganze Reichstags-sippe glücklich wäre, mit Dir gegen Seine Majestät zu gehen!! Zwischenallen ihren Worten blitzt es heraus." Gleichzeitig teilte er mir mit, daß mein„treuer \erehrer" Monts ihm schrieb, in München wäre man überzeugt,daß der Kaiser mich nicht lange vertragen würde. Ich telegraphierte darauf-hin an Eulenburg: „Als die Agrarier mir wegen Amerika grollten, fürchtetestDu die Gefahr von rechts, jetzt scheint sie Dir mehr von links zu kommen.Solche Stürme bringt das politische Leben nun einmal mit sich. Ich lassemich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, es gibt gefährlichere Dinge alspolitische Anfechtungen, und ich bin wohl und guter Dinge. Sage anMonts, daß er lieber trachten soll, seine Münchener Freunde zu kalmieren,anstatt dem seligen Jeremias Konkurrenz zu machen." Als mir Eulenburgbald nachher mitteilte, er glaube zu wissen, daß der Kaiser in Kiel , wo ereinen kurzen Besuch abstatten wolle und wo angesichts der allmählichstärker werdenden Flotte seine Pulse rascher schlügen, persönlich Stellungzu der ungerechten Beurteilung seiner im Chinesen-Sommer 1900 ge-haltenen exzentrischen Rede nehmen würde, telegraphierte ich ihm: Ichhätte die Empfindung, daß ich durch mein Auftreten wie vorher imBundesrat so jetzt im Reichstag eine verfahrene und schwierige Situationeingerenkt hätte. Eulenburg selbst habe ja immerfort auf die Gefahreiner Koalition der deutschen Fürsten und des Deutschen Reichstagsgegen Seine Majestät hingewiesen. Nun möge er bei seinem großen Einflußauf den Kaiser dazu beitragen, daß dieser sich ruhig hielte und, wenigstens
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