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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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500 DER OBERHOFMEISTER RÜGT DIE STADTVERORDNETEN '

Freiherrvon Mirbachund dieBerliner Stadt-verordneten

solange der Reichstag beisammen sei, weder in Kiel noch anderswo Brand-reden halte.

Mein Amtsvorgänger Fürst Chlodwig Hohenlohe beurteilte wie unsereauswärtige Lage so auch die inneren Verhältnisse mit dem ihm eigenen Takt.Er war erfüllt von aufrichtiger Verehrung für die Kaiserin Auguste Viktoria.Als aber deren Oberhofmeister Freiherr von Mirbach, angeblich im Aller-höchsten Auftrag, ein Schreiben an die Berliner Stadtverordneten richtete,das nach Form und Inhalt als Nachmittagspredigt vielleicht am Platz ge-wesen wäre, als politisches Schriftstück aber eine bedenkliche Entgleisungwar, schrieb mir Fürst Hohenlohe:Wenn der Brief des Freiherrn vonMirbach an die Stadtverordneten von Berlin auf Allerhöchster Weisung be-ruht, so habe ich keine Bemerkung zu machen. In diesem Fall bitte ich,meinen Brief in den Papierkorb zu werfen und ihn als non-avenu zu be-trachten. Sollte aber derselbe der Initiative des Freiherrn von Mirbachentsprungen sein, so ist die Sache sehr ernst. In diesem Fall würde ich an-heimstellen, den Artikel zur Kenntnis Seiner Majestät zu bringen. Es kanndoch nicht geduldet werden, daß der erste Hofbeamte Ihre Majestätin dieser Weise bloßstellt. Die Sache macht den übelsten Eindruck, wasum so bedauerlicher ist, als Ihre Majestät der Gegenstand allgemeinerVerehrung ist."

In dem Brief des Freiherrn von Mirbach war gesagt worden, Ihre Majestäthoffe, daß es mit der Zeit den guten und treuen Elementen der Stadt-verordnetenversammlung gelingen werde, neben der Förderung des äuße-ren Blühens und Gedeihens auch an die vielen und tiefen inneren Schäden,an denen die Reichshauptstadt kranke, die versöhnende und besserndeHand mit Erfolg anzulegen. Mit tiefem Schmerze habe Ihre Majestät davonKenntnis genommen, daß in der Stadtverordnetenversammlung ein Mit-glied, ohne in gebührender Weise zurechtgewiesen zu werden, heiligebiblische Trostworte in einer Weise zum Spott benutzt hätte, die jede guteSitte, vor allem aber das christliche Gefühl auf das tiefste verletzen müsse.Der Stadtverordnete, dem diese böse Zensur erteilt wurde, war Dr. Preuß,der achtzehn Jahre später die Mißgeburt der Weimarer Reichsverfassung in die Welt setzen sollte. Fürst Chlodwig Hohenlohe hatte unzweifelhaftdarin recht, daß, wie man auch über Opportunität und Takt jener schnodd-rigen Witzeleien des Dr. Hugo Preuß in der Stadtverordnetenversammlungdenken mochte, es unangebracht war, die Kaiserin in den politischen Streithineinzuzerren. Der gute Mirbach hat dies während meiner Amtszeit auchnicht wieder versucht, sondern sich darauf beschränkt, mit unbegrenztemEifer die Berliner Kirchenbauten zu fördern, bis er auch in dieser Richtungkaltgestellt werden mußte.

Wenn dem Oberhofmeister Mirbach der Sinn für das politisch Mögliche