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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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ANS STERBELAGER DER QUEEN 503

Family werde nicht recht wissen, was sie mit ihm anfangen solle. Was dasenglische Volk betreffe und die englische öffentliche Meinung, so würdejenseits des Kanals der hochherzige Entschluß des Kaisers voll gewürdigtwerden. Dieser Besuch am Sterbelager würde, ähnlich wie der Besuch desKaisers während des Burenkrieges, den Kaiser in England persönlich sehrpopulär machen. Er, der Herzog, besorge aber, daß umgekehrt diese Reisein Deutschland die öffentliche Meinung noch mehr gegen England erregenwürde.Nun scheint mir", schloß der Herzog seine Ausführungen, ,,daß esjetzt vor allem darauf ankommt, die deutsche öffentliche Meinung nicht zureizen, ihr Zeit zu lassen, sich zu beruhigen, sie nicht vor den Kopf zustoßen. Kein verständiger Mensch in England zweifelt daran, daß sowohlder Kaiser wie Sie, daß die deutsche Regierung und die deutschen Bundes-fürsten aufrichtig und lebhaft gute Beziehungen zu England wünschen.Aber so Hegen auch in dem noch ziemlich patriarchalischen Deutschland die Dinge nicht mehr, daß Kaiser und Regierung unbekümmert um dieöffentliche Meinung die ihnen richtig erscheinende Politik durchführenkönnen. Das habe ich in England manchen Leuten gesagt. Deshalb sageich Ihnen, daß der Kaiser diesen Besuch besser unterließe."

Während wir uns noch freundschaftlich unterhielten, trat der Kaiserwieder ein und sagte uns, alle Vorbereitungen für seine Abreise wärengetroffen. Es würde sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln, aberdieser Besuch am Kranken-, vielleicht Sterbebette seiner geliebten Groß-mutter sei für ihn Herzenssache. Der Herzog, der sah, daß nichts zu machenwar, empfahl sich, um in Berlin noch einige Verwandtenbesuche zu machen.Beim Weggehen drückte er mir die Hand und zuckte die Achseln. KaiserWilhelm empfand für seine Großmutter in England,our English Grand-mamma", wie alle Kinder der Kaiserin Friedrich sie nannten, nicht nureinen ihm von Kindheit an eingeprägten, tiefen und unbegrenzten Respekt,sondern auch wirkliche Liebe. Sie war immer gütig gegen ihn gewesen. Siewar mit seinen frühesten Erinnerungen verknüpft. Die schönsten Tageseiner ersten Jugend waren die Besuche bei der englischen Großmuttergewesen, der Aufenthalt in dem überwältigend großartigen Windsor, inOsborne mit dem Blick auf die See und die vorüberziehenden mächtigenenglischen Kriegsschiffe, die Ausflüge nach der Weltstadt London . Aberobwohl Wilhelm II. kaum für irgendeinen anderen Menschen eine so gleich-mäßig aus Achtung und Zärtlichkeit hervorgehende Empfindung gehegthat wie für die Königin Victoria , eilte er an ihr Sterbelager mit der stür-mischen Ungeduld eines jungen Mannes, der seine erste größere Auslands-reise antritt. Kaiser Wilhelm konnte, namentlich während der ersten Hälfteseiner Regierung, schwer das ruhige Gleichmaß der Tage ertragen. Er wollte,daß immer etwas los sei, er wollte immer neue Eindrücke, neue Bilder. Es