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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DAS LEIDEN DER KAISERIN FRIEDRICH

liegt eine große Härte des Schicksals darin, daß dieser impressionable,unstete und quecksilberige Mann, der novarum rerum cupidus war wiekaum igendein Gallier zu Cäsars Zeit, nach seinem Sturz verurteilt wurde,das stillste, monotonste, beengteste und eingeschränkteste Leben zu führen,das einem Mann in seinen Jahren beschieden sein kann.

Während der Englandfahrt des Kaisers erhielt ich eine Reihe vonAuguste Telegrammen, die in freudigem Tone, in glücklichster Stimmung den präch-Viktona tigen Anblick des von Schiffen belebten Meeres, der malerischen Kreide-^bei der £ e j sen ^ eT englischen Küste schüderten. Der Kaiser hatte seine GroßmutterFriedrich nocn lebend angetroffen. Sie starb am 21. Januar 1901. Sie war eine dergrößten Erscheinungen der englischen Geschichte, einer der erfolgreichsten,verehrtesten, geliebtesten Souveräne der Weltgeschichte. In beAvegtenWorten schilderte mir der Kaiser, wie er seiner sterbenden Großmutternoch allerlei kleine Dienste hätte leisten können, daß sie, gestützt von ihm,gewissermaßen" in seinen Armen gestorben wäre. Die Reise des Kaisersan das Sterbelager der Großmutter war der Kaiserin Auguste Viktoria, obwohl auch sie in Ehrerbietung an der Großmutter hing, nicht erwünschtgewesen. Ihr Gemahl war über ihren Widerspruch ohne jedes Bedenken undstürmisch hinweggegangen. Nun wünschte sie dringend, daß der Kaisernicht bis zu dem Begräbnis in England bleiben möge, das erst vierzehnTage nach dem Heimgang der Königin stattfinden sollte. Sie schrieb miram 23. Januar aus Homburg, wohin sie gefahren war, um ihre schwerkrankeSchwiegermutter, die Kaiserin Friedrich, zu besuchen:Ich hoffe, Siewerden es noch möglich machen, den Kaiser zu überreden, die Beisetzung auf-zugeben und sich damit zu begnügen, den Kronprinzen und vielleicht PrinzHeinrich, der darauf brennt, hinzuschicken, oder, wenn dies wirklich nichtzu machen ist, daß der Kaiser inzwischen hierher zu seiner Mutter kommt.Sogar die Kaiserin Friedrich meint, er solle nicht auf die Beisetzungwarten. Sie wünscht persönlich sehr, den Kaiser zu sehen. Der Anblick derhohen Frau ist einfach jammervoll. Sie trägt es wirklich groß. Ich glaubenicht, daß der Zustand sich wesentlich verschlimmern wird nach diesemTodesfall, dafür war sie heute schon zu gefaßt." Am folgenden Tage schriebmir Ihre Majestät weiter aus Homburg: Sie werden nächstens meineHandschrift verabscheuen, aber ich muß Ihnen einhegendes Telegrammsenden. Es traf gestern abend spät ein. In verschiedener Weise hat es michbeunruhigt: 1. da ich aus demselben ersehe, daß der Kaiser wieder sehrnervös, abgespannt ist. Aber das trifft, wie Sie wissen, leicht ein beimKaiser und ist natürlich, da er sich einer Sache immer ganz hingibt. 2. Aberbesonders gefährlich ist meiner Ansicht nach, daß man jetzt versucht,besonders die Damen, auf seine warme, freundliche Natur einzustürmen,ihm so schönzutun (jede will ihn natürlich nur für ihre Zwecke gewinnen)'