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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER FELDZUGSPLAN FÜR ROBERTS

kleinen Kinder anstecken könnte! Hier wird die Ansteckungsgefahr geringgeachtet, zu Hause muß sie uns zum Vorwand dienen, länger von Berlin fortzubleiben! Ich finde es schrecklich, daß in diesen arbeitsreichen,folgenschweren Geschäftswochen S. M. nicht in Berlin ist. Oder wollen SieHeber, daß er den Geschäften fernbleibt ? Jedenfalls hoffe ich, daß Sie rechtbald nach Homburg kommen, wo wir am 7. Februar morgens 8 Uhr ein-treffen."

Die antienglische Stimmung der Kaiserin Auguste Viktoria , der mili-Dcr Schwarze tärischen Umgebung Seiner Majestät und der großen Mehrheit des deutschenAdler Volkes war unklug. Aber die Übertreibungen des Kaisers gegenüber Eng-jür Roberts j anc ^ dem er in jenen Tagen ebenso stürmisch und demonstrativ huldigte,wie er vorher und nachher gelegentlich antienglische Gefühle zur Schautrug, regten die weitesten Kreise in Deutschland immer von neuem auf,und das ohne realen politischen Nutzen. Die Verleihung des SchwarzenAdlerordens an den Besieger der Buren, Feldmarschall Roberts, die ohneRückfrage bei mir erfolgte, machte bei dem stolzen Selbstgefühl der Engländerdort wenig Eindruck, während sie in Deutschland vielfach als ein Schlagins Gesicht der öffentlichen Meinung und Stimmung des Landes empfundenwurde. Die Kunst der Politik besteht auch darin, de donner ä chaque chose sajuste valeur, wie der weise Marco Minghetti zu sagen pflegte. Diese demon-strative Auszeichnung hat nicht einmal den damit Begnadeten für dieDauer gewonnen. Als später Wilhelm II. in einem bedauerlichen Anfall vonphantastischer Großsprecherei die unwahre Behauptung aufstellte, LordRoberts habe die Buren nur mit Hilfe eines von ihm, dem Kaiser, entwor-fenen und an die Königin Victoria gesandten Feldzugsplans besiegt, ver-wandelte sich der Feldmarschall, der übrigens ein tüchtiger und tapfererSoldat war, der in allen Weltteilen durch sein ganzes langes Leben hindurchfür den Ruhm der englischen Fahne gefochten hatte, in einen persönlichenund bitteren Gegner des Deutschen Kaisers. Es war dies einer der vielenFälle, wo Kaiser Wilhelm II. bei den besten Absichten und felsenfest über-zeugt, er sei auf dem richtigen Wege, gerade das Gegenteil von dem er-reichte, was er bezweckte.

Als ich den Kaiser in Homburg wußte, begab ich mich dorthin. IchWilhelm II. fand ihn noch ganz im Banne seiner englischen Eindrücke. Während er sich»n Homburg sons t nicht genug tun konnte im Wechseln militärischer Uniformen, zeigteer sich jetzt nur in Zivil, wie er sich in England gekleidet hatte. Dazu truger eine Krawattennadel mit der Chiffre seiner verewigten Großmutter. Dieaus dem nahen Frankfurt zur Mittags- oder Abendtafel befohlenen Militärswaren sehr erstaunt, ihren obersten Kriegsherrn im bürgerlichen Kleide zuerblicken. Sie schienen nicht angenehm berührt durch die immer wieder-holten enthusiastischen Kundgebungen für England und alles Englische,