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,das hoch über deutscher Art und Sitte stünde'. KönigEduard hatte vor derAbreise des Kaisers aus England ihm seinen Besuch angekündigt. Obwohlich Seine Majestät darauf aufmerksam machte, daß der König vor allemseine todkranke Schwester, die Kaiserin Friedrich , noch einmal sehen wolleund deshalb lieber bei ihr im Schloß Friedrichshof absteigen würde als inHomburg , bestand der Kaiser darauf, daß sein Onkel bei ihm wohnenmüsse und nicht in Friedrichshof. Da das Schloß in Homburg nicht für denWinter eingerichtet war, so mußten rasch eiserne Öfen in allen Zimmernaufgestellt werden. Einmal im Gange, verbreiteten sie eine kaum erträgbcheHitze. Wurden dann notgedrungen die Fenster geöffnet, so fror der Gast inder kalten Februarluft. Die Gesundheit des Generalobersten Hahnke, desKabinettsrats Lucanus und anderer ehrwürdiger Greise in der kaiserlichenSuite wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Heizungsversuche fandendadurch ihren Abschluß, daß König Eduard seinem Neffen schrieb, erkönne seine gütige Einladung für Homburg nicht annehmen, da er mög-lichst in der Nähe seiner armen Schwester bleiben wolle. Bei der großenImpressionabilität Seiner Majestät bewirkte diese Absage eine merklicheAbkühlung der kaiserlichen Empfindungen nicht nur für seinen königlichenOheim, sondern auch für dessen Land.
Mich beschäftigte inzwischen vor allem der Wunsch, die Annäherungzwischen dem Kaiser und dem König und die günstige Rückwirkung der Diekaiserlichen Reise auf weite Kreise des englischen Volks zu benutzen, um Verständigungzu einer für uns annehmbaren vertragsmäßigen Verständigung mit Groß- mlt En S^ andbritannien zu kommen. Schon aus Berlin telegraphierte ich an die Kaiser-liche Botschaft in London , daß, wenn Chamberlain gegenüber Eckardsteindie Frage eines engeren Anschlusses von Großbritannien an uns und diezentraleuropäische Friedensgruppe berühre, dieser etwa folgendem Ge-dankengang Ausdruck geben möge: Das deutsch -englische Zusammengehenauf Grund von Interessengemeinschaft habe sich neuerdings mehrfachpraktisch bewährt. Nirgends bestehe jetzt mehr zwischen uns ein eigentlicherGegensatz. Der friedliche Wettbewerb auf kolonialem oder wirtschaft-lichem Gebiet des einen Landes sei auf keinem Teil des Globus unvereinbarmit den Rechten und Interessen des anderen. Die neuerliche intime An-näherung der beiderseitigen Herrscher habe dazu beigetragen, die Völkereinander näherzubringen. Unter diesen Umständen erscheine es nicht aus-geschlossen, daß von unserer Seite dem Gedanken eines engeren Anschlussesnähergetreten würde, falls derselbe eine bestimmte Gestalt an-nehmen und in amtlicher Form angeregt würde. Die Befestigungdes Weltfriedens müsse das beiderseitige Ziel sein. Für England ebensowenigwie für uns sei Rußland oder Frankreich a 11 e i n in Betracht zu ziehen. Einerallein würde für England wie für den Weltfrieden gleich unbedenklich