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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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GESPENST EINES RUSSISCH-ENGLISCHEN BUNDES

Jede Allianz mit England setzt uns der Gefahr aus, unsererseits einen kon-tinentalen Landkrieg wesentlich allein, und ohne absolute Notwendigkeitdazu, ausfechten zu müssen. Mir erscheint eine solche deshalb ausgeschlos-sen. Ein Paktum der eingangs erwähnten Art halte ich von unserem Stand-punkt aus für möglich und nützlich. Ist ein solches nicht erreichbar, oderauch neben einem solchen, könnten Abkommen und Einzelfragen terri-torialer Natur zum Abschluß gelangen, wenn auch das letzte deutsch-englische Abkommen hierzu nicht anreizt, dessen Wert für England durchdie tatsächliche Ausnutzung von Lourenco Marques als britische Stationbeseitigt und dessen Fortbestand durch die Neuproklamierung der por-tugiesischen Allianz für die Wirklichkeit in Frage gestellt ist. Nur als aufeine Nebenerscheinung möchte ich noch darauf hinweisen, daß jedesPaktum, welches eine englische Kriegsgefahr für uns mindert, in unseremReichstag auf eine Neigung zu weiter gehenden Flottenbewilligungenabschwächend einwirken wird. Ich glaube, daß bei einiger Vorsicht undnamentlich ruhiger Behandlung von hier aus die doch nur vorübergehendechinesische Phase zum Abschluß gebracht werden kann, ohne eine irgend-wie dauernde russische Verstimmung gegen Deutschland zurückzulassen."

Am 5. Februar schrieb mir Richthofen:Meines Erachtens hegt in denVorgängen der letzten Zeit keinerlei Grund vor, um uns von dem bisherfestgehaltenen Satz, England uns kommen zu lassen und nicht unsererseitsEngland zu kommen, abweichen zu lassen. Weder der Thronwechsel inEngland noch die liebenswürdige Ausdehnung des Kaiserlichen Besuchsdort noch der englische Ansturm auf uns in der Tientsin-Settlement-Frage,welcher doch nur darauf ausging, uns in die erste Linie gegen Rußland zuschieben, und, sobald die Erfolglosigkeit bemerkt wurde, sofort abgestopptworden ist, dürften einen solchen ausreichenden Grund darbieten. England gegenüber läuft aller Wahrscheinlichkeit nach die Situation für uns. Jemehr es in Südafrika engagiert wird, und es sieht so aus, als würde dies derFall sein, desto mehr wird es in Europa und Asien lahmgelegt und bedarf esdes Wohlwollens anderer Mächte, d. h. von Amerika abgesehen, insbeson-dere Rußlands, Frankreichs und Deutschlands . Das Gespenst einer russisch-englischen Allianz erscheint mir auch nach den mehrfachen Unterhaltungen,die ich hierüber mit Geheimrat von Holstein gepflogen, durchaus lediglichals ein solches. England würde durch Arrangements mit Rußland stetssicher verlieren, nur kurze Waffenstillstandssicherungen erlangen und sichimmer wieder Rußlands Unersättlichkeit gegenüber sehen. Was kann Eng-land z. Z. Rußland bieten? Die Mandschurei? Die hat Rußland schon,ohne England zu fragen, genommen. Korea ? England würde sich dadurchja Japan für immer verfeinden. Gewährt England Vorteile an Rußland inPersien oder nach Indien zu, so würden es entweder nur solche sein können,