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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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RICHTHOFEN FÜR KRIEGS AUSSCHLUSS-VERTRAG

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Neutralität uns gesichert ist, die deutsche Flotte allmählich selbst starkgenug sein und werden wird, den Schutz des überseeischen deutschen Handels zu übernehmen, zumal eventuell gemeinsam mit Italien und Oster-reich gegen Frankreich und Rußland . Für uns von hochbedeutendem Inter-esse ist es daher meines Erachtens nur, uns, wenn irgend tunlich, denzu 1 bezeichneten Hauptvorteil zu sichern. Von unserem Standpunkt ausbenötigte es hierzu keiner Allianz, sondern ausreichend wäre ein sozusagenPactum de non inter se bellum gerendo. Ein solcher Kriegsausschlußvertragwürde naturgemäß gleichzeitig ein Verfahren zur Regelung aller etwaigenStreitfälle in sich zu schließen haben, das wohl nur auf einer Art schieds-gerichtlicher Rasis denkbar ist. Ein solcher Vertrag würde, glaube ich, ohneweiteres, selbst wenn auch zunächst nur für etwa zehn Jahre abgeschlossen,die Rilligung unseres Reichstags und des deutschen Volkes finden, und, daden allgemeinen humanitären Gedanken der Zeit entgegenkommend, wohlauch diejenige des britischen Parlaments. Er würde jede Spitze gegen dritteRegierungen ausschließen, da die Anerkennung des territorialen Statusquo, der Abschluß eines gleichen Vertrages vom Dreibund dem Zweibundauch angeboten werden könnte. Ob die englische Regierung einem solchenPaktum zustimmen würde, steht dahin. Es bietet ihr viel weniger als einedeutsch -englische Allianz, aber immerhin die Sicherheit, nicht mit derMöglichkeit einer gegnerischen Koalition Rußland-Deutschland-Frank-reich rechnen zu müssen. Uber ein solches Paktum hinauszugehen, in einAllianzverhältnis einzutreten, halte ich nach wie vor für sehr bedenklich.Um in England einige Gewähr für Halten des Vertrages zu haben, würdedie parlamentarische Sanktion unbedingt geboten sein; geschieht solche inLondon , werden wir unser Parlament nicht ausschalten können. Die Zu-stimmung des Reichstags aber zu einem Vertrage, welcher auch nur diekleinste Möglichkeit offenläßt, daß wir in die Situation kommen könnten,uns für nicht-deutsche englische Interessen, also z. R. für Indien, zu schlagen,würde, insbesondere in gegenwärtiger burophiler Zeit, nicht zu erlangen sein.Für österreichische oder italienische Interessen einzutreten, würde man,an den Dreibund gewöhnt, äußerstenfalls bereit sein, für englische, die sichnicht voll mit den unsrigen decken, aber auf lange Zeit hinaus nicht. DerAbschluß eines dem Dreibund-Verträge ähnelnden Defensiv-Abkommensmit England würde einem geschickten und skrupellosen englischen Staats-mann eine mächtige, für uns aber sehr gefährliche Waffe in die Hand geben.Einen Angriffskrieg Rußlands und Frankreichs gegen England provozierend,würde er einerseits die Flotten der beiden Angriffsstaaten abrasieren,andererseits auf dem Kontinent die drei Rivalen Englands: Rußland ,Deutschland und Frankreich , in gewaltigem Kampfe sich verbluten lassenkönnen, um schließlich als der in Europa einzig Gebietende dazustehen.