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die sich Rußland auch ohne Englands Zustimmung jederzeit von selbstnehmen kann, oder solche, die Englands ganzes Prestige und ganze Herr-schaft im zentralen Südasien zu erschüttern geeignet sein und außerdemdoch nur das Sprungbrett für weitere russische Forderungen bilden würden.Was sollte Rußland denn als Äquivalent an England gewähren? Nicht-Intervention gegen britische Einflußsphäre am Jangtse ? Eine solche Zusagewürde Frankreich sehr verstimmen, andererseits aber belanglos sein, daRußland sichtlieh gar keine Intentionen hat, von Süden aus in die Jangtse -Frage sich einzumischen, und andererseits eine Einmischung von Nordenher, sobald sie für Rußland ausführbar wird, wohl durch keinen Traktatder Welt würde gehemmt werden können. Rußlands und Englands Inter-essen sind zu gegensätzliche, um selbst eine nur zeitweise Überbrückungwahrscheinlich erscheinen zu lassen. Rußlands Stärke Hegt darin, daß eskeine Kolonien, sondern nur die Ausdehnung seiner eigenen Grenzen will.In verhältnismäßig kurzer Zeit hat sich diese Ausdehnung stark und stetigvollzogen; jede Verbesserung im Landtransport gegenüber dem verhältnis-mäßig doch immer schwerfällig bleibenden Seetransport erleichtert dieErreichung des Zieles. Hat Rußland weiter Geduld — und dies zu bezwei-feln Hegt namentlich unter dem gegenwärtigen Zaren kein Grund vor —,so wird ihm sanft noch mehreres zufallen. Kaum fünfzig Jahre sind seitdem Krimkriege verflossen. Würde jetzt noch irgendeine KoaHtion gegenRußland zustande zu bringen sein, wenn es die Hand nach Armenien , jaselbst nach dem Goldenen Horn ausstrecken woUte ? Die Mandschurei fäUtRußland ohne Weiteres in den Schoß. Wird sich, faUs es nach einiger Zeitaus TschiH hinübergreift, jemand finden, der ,Halt!' ruft? Kaum. England ist gegenüber Rußlands Aspirationen eigentlich schon, was Asien anbetrifft,auf Indien und die Küstenstrecken eingeengt; im Innern Persiens undChinas wird es kaum gegen Rußland kräftig agieren können. Ein anglo-französisches Bündnis ist an sich nicht undenkbar. Die Spitze eines solchenwürde französischerseits gegen uns, englischerseits gegen Rußland gerichtetsein. Uns aHein abzurasieren unter gleichzeitigem Hochkommen Frankreichs und Rußlands, daran hat England kein Interesse. Andererseits kann esFrankreich nicht erwünscht sein, Deutschland und Rußland zu schwächenund sich dann aHeinstehend England gegenüber zu sehen. Immerhin istnatürHch die Gefahr, die ein solches Bündnis für uns in sich schHeßen würde,nicht zu übersehen und ein Grund mehr für uns, mit England auf gutemFuß zu bleiben. Wir sind und bleiben schHeßHch für England immer derbequemste Anhalt. Mit unserer Macht absorbieren wir so viele russischeund französische Streitkräfte, daß dadurch Rußland und Frankreich vonabenteuerHchen Unternehmungen, die sich hier oder dort gegen England richten würden, abgehalten werden und damit der engHsche Machtstand
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