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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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AM BESTEN GEBETTET

wenigstens im Status quo erhalten wird. Wir verlangen andererseits nichtsvon englischem Besitz, sondern nur, daß wir in Ruhe gelassen werden unddaß wir, wenn England aus einer fremden Schüssel eines Schwachen speisenwill, es uns mitspeisen läßt. England kann hierfür eine Gegenleistung nichtmehr verlangen, als daß wir es unsererseits auch in Ruhe und Frieden lassenund seinen politischen Interessen nicht entgegentreten. Ein Arrangement indieser Richtung kann uns nur erwünscht sein. Darüber hinaus aber einSchutz- und Trutzbündnis oder unter gewissen Voraussetzungen eineAllianz, die man Defensiv-Allianz nennen kann, die aber de facto von einemder Paziszenten leicht zu einer Offensiv-Allianz gemacht werden kann,einzugehen, würde m. E. für uns sehr bedenklich sein, da die Spitze einersolchen Allianz, man mag sie einkleiden, wie man will, immer gegen Ruß-land gerichtet sein und im Konflikt mit Rußland immer wesentlich unsereSchultern und nicht die englischen herzuhalten haben würden. Mit derSeemacht ist Rußland , zumal bei jetzigen Verhältnissen Blockaden nichtmehr so schwer wiegen, vielleicht von Dritten (Amerika ?) gar nicht malimmer würden anerkannt werden, nur wenig beizukommen. Bleiben wirmit Frankreich auf dem jetzigen Fuße, können wir uns davor sichern, daßEngland in die uns gegnerische Reihe tritt, und behandeln wir Rußland einerseits freundlich, andererseits aber fest und nicht nachgiebig oder garnachlaufend, so sind wir, glaube ich, am besten gebettet. In letzterer Be-ziehung hapert es m. E. am meisten. Es muß in Petersburg sowohl wie hier(Osten-Sacken) klargemacht und zum Bewußtsein gebracht werden, daßder Schwerpunkt unserer Politik bei uns in der Hand, und zwar in dersicheren, ruhigen, gleichbleibenden Hand des Reichskanzlers,liegt. Eineenglisch-französisch-deutsche Gruppierung kontra Rußland und Amerika widerspricht m. E. unseren Interessen, da wir allen Grund haben, ohnezwingende Notwendigkeit nicht in Gegensatz zu den beiden letzterenStaaten zu treten und diese zu einer für ganz Mittel- und Westeuropa höchstgefährlichen Koalition zu treiben. Andererseits würde eine solche Grup-pierung unzuverlässig sein, da Frankreich aus solcher, sobald es anderweitigeine Gelegenheit zum Aufrollen der elsaß -lothringischen Frage erschauensollte, ohne weiteres und schleunigst echappieren würde." Die Bemerkungdes Staatssekretärs, es möge den Russen klargemacht werden, daß derSchwerpunkt der deutschen Politik in der Hand des Reichskanzlers liege,bezog sich natürlich auf den Kaiser, der leider auch Rußland gegenüberdazu neigte, zwischen naiver Aufdringlichkeit und abrupter Unart hin undher zu schwanken.

Bevor ich zum Kaiser nach Homburg reiste, gab ich sowohl Richthofenwie Holstein gegenüber dem Wunsch Ausdruck, daß der Schwerpunkt derweiteren deutsch -englischen Besprechungen aus der Hand des nicht