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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE AUFLEHNUNG BERLINS

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känglichkeit für die Bremer Bürgerschaft in keiner Weise darunter leidenwürde. Seine Haltung war über jedes Lob erhaben, wahrhaft königlich.

Etwa vierzehn Tage später empfing der Kaiser, inzwischen ganz wieder-hergestellt, das Präsidium des Abgeordnetenhauses. Der Erste Präsident Rededer damaligen preußischen Volksvertretung, Jordan von Kröcher, besaß des Kaisersalle Fehler, die, oft mit Unrecht, den Junkern nachgesagt werden, aber "^ eT ^nicht die großen Eigenschaften, die sie tatsächlich besitzen. Er war derb, j^ ascrneaber ohne echten Humor, bauernschlau, aber ohne tiefere Einsicht, emsigbedacht auf Interesse und Wohl seiner Partei und seines Standes, aber ohnedie nötige Rücksicht für das Staatsinteresse. Er hat durch seine hochmütigeund schnoddrige Behandlung der wenigen Sozialisten, denen es nach undnach gelungen war, trotz des damals sehr beschränkten preußischen Wahl-rechts in die Zweite Kammer einzudringen, die Arbeiter gereizt, ohne aufsie Eindruck zu machen. Herr von Kröcher benutzte seinen Empfang durchden Kaiser, um eine Parallele zwischen den Attentaten auf Kaiser Wil-helm I. im Jahre 1878 und dem Vorfall in Bremen zu ziehen, obwohl in.zwischen festgestellt worden war, daß der Bremer Attentäter ein epilep-tischer, halb oder ganz blödsinniger Mensch war. Die Schlußfolgerung ausder Kröcherschen Parallele war natürlich, daß es geboten sei, ebenso wiedreiundzwanzig Jahre früher, mit Ausnahmegesetzen gegen die sozialistischeBewegung vorzugehen. Das führte zunächst zu einer unerquicklichen De-batte im Abgeordnetenhaus zwischen Eugen Richter und dem Präsidentenvon Kröcher, wirkte aber, was schlimmer war, aufreizend und erregend aufden so leicht zu beeinflussenden Kaiser, der am 28. März bei der Einweihungder neuen Kaserne des Kaiser-Alexander-Regiments wieder eine rechtexzentrische Rede hielt. Das 1. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Alex-ander von Rußland bbekte auf eine stolze Vergangenheit zurück. Es hatteim März 1848 gegenüber der damaligen aufständischen Bewegung in vollemMaße seine Schuldigkeit getan, es hatte sich 1870 in der Schlacht vonSaint-Privat bei dem Sturm auf Sainte-Marie-aux-Chenes besonders aus-gezeichnet. Seine Fahne war die älteste Fahne der Armee. Sie hatte amTage von Saint-Privat der jüngste Offizier des Regiments, Leutnant vonDewitz, getragen, aus altem pommerschem Geschlecht. Er fiel, die Fahneüber sich. An diese heroische Vergangenheit zu erinnern, war des Kaisersgutes Recht, es war sogar seine Pflicht. Er fügte aber hinzu, daß, wenn sichBerlin je wieder in frecher Auflehnung gegen den König erheben sollte, dasAlexander-Regiment solche Unbotmäßigkeit und Unverschämtheit nach-drücklichst in die Schranken zurückweisen werde. Er schloß mit der Er-klärung: Es lebe ihm ein gewaltiger Verbündeter, der alte, gute Gott imHimmel, der schon seit den Zeiten des Großen Kurfürsten und des GroßenKönigs stets auf unserer Seite gewesen wäre. Der Eindruck dieser Rede im