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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE DROHENDE GEFAHR

In- und Ausland war deplorabel. Der streng konservative, kireklich-orthodoxeReichsbote" wies warnend darauf hin, daß der größte Feind derAutorität ihre Uberspannung sei. Die Autorität Kaiser Wilhelms I. habedarauf beruht, daß er gegenüber seinen Ratgebern Selbstbeherrschung, inallem Vernunft und weise Zurückhaltung walten ließ. Fürsten , die solcheBescheidenheit vermissen keßen, pflegten an den Realitäten des Lebenszu scheitern und schließlich auf eine unglückliche Regierung zurückzusehen.Harte und leider prophetische Worte. DieTimes" sprach in einem ernstenArtikel die Besorgnis aus, daß durch den Bremer Vorfall das seeüscheGleichgewicht des Kaisers gestört sein müsse, wenn er solchennonsense"rede. Andere englische und amerikanische Blätter sprachen vonmoralinsanity". Die französische Presse erging sich in ridikülisierenden undpersiflierenden Betrachtungen. Ich legte den Artikel des leitenden eng-lischen Blatts dem Kaiser an erster Stelle vor, da ich wußte, daß die Aus-lassungen der Londoner Presse ihm einen stärkeren Eindruck machten alsdeutsche Zeitungsartikel. Auch die amerikanischen und französischenPresseurteile ersparte ich ihm nicht.

Wenige Tage später erhielt ich einen Brief des Großherzogs FriedrichBriefe des von Baden, in dem es hieß: Er müsse mir bekennen, daß ihm die LageGroßherzogs unserer deutschen öffentlichen Verhältnisse einen Höhepunkt in der Ge-von Baden f^j. gleicht zu haben scheine, der uns zwinge, nötige Schutzmittel für dieZukunft vorzubereiten. Die Reden des Kaisers bildeten die Gefahr, die erals eine drohende bezeichnen müsse. Alle kaiserbchen Reden sollten vorherdem Reichskanzler vorgelegt w T erden, so daß Korrekturen und etwaigeMüderungen eingeschaltet werden könnten. Andernfalls sei Herabsetzungder Autorität der Krone, Schädigung ihres Ansehens, allmähbche Erschüt-terung der monarchischen Ordnung im gesamten Reich, endüch auch eineungünstige Beurteilung des Deutschen Reichs durch das Ausland und damiteine Schwächung des Vertrauens in Deutschlands Macht und Stärke zubesorgen. Kaiserliche Reden an die Truppenteile sollten überhaupt nichtveröffentlicht werden. Die Rede an das Alexander-Regiment hätte in denweitesten Kreisen tiefgehende Verstimmung hervorgerufen, und zwar geradein den höheren und erfahrenen Schichten. Gerade weü er, der Großherzog,die Fähigkeiten des Kaisers hochschätze, wünsche er, daß das Oberhauptdes Reichs außerhalb der Diskussion bleibe. Nachdem der Großherzog denKaiser bei dessen Durchreise durch Karlsruhe gesprochen hatte, schrieb ermir am 18. Mai 1901: Er danke mir zunächst für die vertrauensvollen Dar-legungen, die er inzwischen von mir erhalten habe und durch die er einenvollständigen Einbbck in die Wege erhalten hätte, die ich zu gehen geson-nen sei. Aus den Äußerungen des Kaisers ihm gegenüber hoffe er zu seinerFreude annehmen zu können, daß der Kaiser meinen Vorstellungen und