DAS SPIEL MIT DER KANALVORLAGE
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Ratschlägen künftig besser folgen werde. „Das wird nur gute Folgen habenkönnen und die öffenthche Diskussion wesentlich vermindern." Über dieauswärtige Politik schrieb der erfahrene und weise Großherzog, der Kaiserhabe sich ihm gegenüber mit großer Gereiztheit über die russische Politikausgelassen und den Zaren sehr ungünstig beurteilt. Er, der Großherzog, seiüberzeugt, daß ein möglichst vertrauensvolles Zusammengehen mit Eng-land gewiß geboten sei, wir müßten aber vermeiden, in Abhängigkeit vonEngland zu geraten. Über dem Ausbau der Flotte dürfe die Verstärkungdes Heeres nicht versäumt werden. Gute Beziehungen zum russischenKaiser wären sehr zu wünschen, denn sie stärkten die Möglichkeit, unsereeigenen Interessen erfolgreich zu fördern. Deshalb, fügte der liberal ein-gestellte Großherzog hinzu, beklage er die ungemeine Schärfe des Kaisersgegenüber dem Zaren und Rußland , denn die politische Klugheit dürfenicht übersehen, daß die engbsche Politik noch mehr als die jeder anderenMacht nur und allein das eigene Interesse kenne. Der Großherzog, der esbitter empfunden hatte, daß der Kaiser seine Bitte, seinem Sohn, demvortrefflichen und tüchtigen Erbgroßherzog, das vakante Generalkom-mando des 14. Armeekorps zu übertragen, noch dazu in verletzender undunfreundlicher Form, abgelehnt hatte, schloß mit den Worten: „Inzwischenist mein Sohn schwer erkrankt, und so konnte er die Enttäuschung nichterfahren. Mein Lebensabend ist zu freudloser Arbeit umgestaltet, und dietreue Pflichterfüllung ist mit Opfern verbunden. Immerhin muß tapfergearbeitet werden, und solange mir Gott die Kraft gnädig gewährt, werdeich ihm dienen und mich dem Wohl des Landes widmen. Wiederholt dankeich Ihnen für das mich hoch erfreuende Vertrauen, das Sie mir in so freund-licher Weise widmen und das mich immer wieder ermutigt, demselben nachKräften zu entsprechen. Ich tue das um so lieber, da ich weiß, wie schwereArbeit auf Ihnen lastet. Bewahren Sie mir auch fortan Ihr Vertrauen undbauen Sie dabei auf die treuen Absichten des in Dankbarkeit Ihnen sehrergebenen Friedrich Großherzog von Baden."
Im Mittelpunkt der innerpreußischen Politik stand seit Jahr und Tagdie Kanalvorlage. Ich habe bei der Besprechung der Kanalkrisis von 1899 Schlieschon darauf hingewiesen, wie gründlich verfahren diese Angelegenheit deswar, in der alle recht und alle unrecht hatten oder umgekehrt niemand ganz ^ reu ßrecht und niemand ganz unrecht. Der Kaiser und die kanalfreundlichenParteien hatten recht, wenn sie im wirtschaftlichen Interesse des Landesden Ausbau unseres Kanalnetzes forderten. Die Gegner hatten recht, wennsie Front machten gegen die autokratische Art und Weise, mit der Wil-helm II. seine Pläne durchzusetzen suchte. Der Kaiser hatte unrecht, wenner die Angelegenheit in der Art von Friedrich Wilhelm I. betrieb, teils weiler weit davon entfernt war, ein Friedrich Wilhelm I. zu sein, teils auch weil