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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EINE UNERWARTETE ERÖFFNUNG

sich die Zeiten inzwischen erheblich geändert hatten. Die Gegner der Kanal-projekte hatten sehr unrecht, wenn sie aus übertriebener Furcht vor derEinführung fremdländischen Getreides, aus agrarischer Eifersucht gegendie Industrie und bis zu einem gewissen Grade aus Eifersucht des Ostelbiersauf den reicheren Westen den Bau neuer Kanäle zu verhindern trachteten.Ich hatte, als ich mich am 9. Januar 1901* dem Preußischen Abgeordneten-haus als Ministerpräsident vorstellte, alle Teile des Hauses vor Kurz-sichtigkeit und Selbstsucht gewarnt. Ich hatte zur Einigkeit aufgefordertzwischen dem Westen mit seiner alten Kultur, seiner mächtig entwickeltenIndustrie, seiner Regsamkeit und seinen Hilfsquellen und dem Osten, derWiege der preußischen Monarchie, der unserem Beamtentum und unsererArmee seinen starken, seinen großen Stempel aufgedrückt hat. Als ich dieWohlfahrt der gesamten Volkswirtschaft, das Wohl der ganzen Monarchieals meinen Leitstern bezeichnete, fand ich einen in diesem Hause seltenenstürmischen Beifall. Aber als es sich darum handelte, vom Bravorufen undHändeklatschen zu Taten überzugehen, hörte die Begeisterung auf. DieBeratungen in der Kommission rückten nicht vorwärts, das Feilschen nahmkein Ende. Es blieb nichts anderes übrig, als die ganze Frage auf ein anderesGeleise zu schieben. In einer von mir zu diesem Zweck angesetzten Sitzungdes Staatsministeriums führte ich aus, daß dem grausamen Spiel in derKanalfrage ein Ende gemacht werden müsse. Selbst für den Fall, daß dasHerrenhaus die im Abgeordnetenhaus verstümmelte Vorlage wiederher-stellen sollte, was nicht einmal sicher sei, könne im Abgeordnetenhaus miteiniger Sicherheit nur auf die Annahme eines Teils des Mittellandkanalsgerechnet werden. Unter solchen Umständen hätte ich von Seiner Maj estät dieZustimmung zur Schließung des Landtags erbeten und erhalten. Im ausdrück-lichen Auftrage Seiner Majestät hätte ich allen beteiligten Ministern, na-mentlich dem Herrn Vizepräsidenten von Miquel, die Allerhöchste Aner-kennung für die vortreff liehe Vertretung der Kanalvorlage auszusprechen.Diese unerwartete Eröffnung wirkte auf meine Herren Kollegen in ver-Für Miquel schiedenartiger Weise. Der Landwirtschaftsminister von Hammerstein undRheinbaben <J er Handelsminister Brefeld, die Übles ahnten, ließen die Köpfe hängen.

Der arme Miquel war wie vom Schlage getroffen. Begeisterte Zustimmungfand ich beim Grafen Posadowsky, der in Miquel einen Mitbewerber umden Kanzlerposten sah und ihn haßte. Auch Tirpitz war vergnügt. Ermochte Miquel nicht und behauptete, dieser gliche ausschweifenden Men-schen, die, nachdem sie alle Genüsse erschöpft hätten, im hohen Alter aufPerversitäten verfielen. So habe Miquel allmählich vom marxistischen Kommunismus bis zum scharfen Konservativismus die Freuden aller

* Fürst BiüWs Reden, Große Ausgabe I, S. 176; Kleine Ausgabe I, S. 234.