DIE PRINCESS ROYAL
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daß er mit Rücksicht auf die Empfindungen des deutschen Volkes und aufdie Würde unseres Volkes diese Wünsche seiner Mutter nicht erfüllen dürfe.Sie wurde einige Tage später in der Friedenskirche in Potsdam beigesetzt.
Ich kenne kaum ein tragischeres Schicksal als das der Kaiserin Friedrich .Aufgewachsen als Princess Royal of Great-Rritain and Ireland, als ältesteTochter der Königin Victoria , in allem Glanz des englischen Hofes, um-geben nicht nur von der Zärtlichkeit ihrer Eltern und Geschwister, sondernauch von der ungeheuren Volkstümlichkeit des englischen Königtums,hatte sie die glücklichste Jugend genossen. Sie war die Lieblingstochterihres Vaters, des Prince-Consort Albert , der ihr seine Anschauungen überWelt und Politik von früh auf eingeprägt hatte. Es waren die Anschauungendes gemäßigten Liberalismus der fünfziger Jahre, aber natürlich mit starkemenglischem Einschlag. Obwohl Prinz Albert von Koburg in England imGrunde nicht behebt war, fühlte er sich mit der Assimilationsfähigkeit desDeutschen doch als Engländer und als solcher erhaben über seine deutschen Verwandten und Landsleute. Er schärfte seiner ältesten Tochter, als sienach ihrer Vermählung die Reise nach Deutschland antrat, vor allem ein,sie möge nie vergessen, daß sie die älteste Tochter der Königin von England und Princess Royal von Großbritannien wäre. Erst in zweiter Linie durftesie daran denken, daß sie auch Kronprinzessin von Preußen geworden war.Es ist möglich, daß, wenn Prinz Albert länger gelebt hätte, er seine An-schauungen insbesondere über preußische und deutsche Verhältnisse revi-diert hätte. So aber blieb die Tochter nach dem schon 1861, kaum dreiJahre nach ihrer Vermählung erfolgten Tode ihres von ihr angebetetenVaters auf dem Standpunkt stehen, den dieser ihr eingeprägt hatte. InBerlin und noch mehr in Potsdam fand sie alles ärmlich und kleinlich, ver-glichen mit Windsor und Osborne. Es gab in den preußischen Palais damalskaum Badezimmer. König Wilhelm I. wurde zweimal in der Woche seinBad in einer mit einem weißen Laken bedeckten Wanne aus dem Hotel deRome in sein Palais gebracht. Als die junge englische Prinzessin beimBreakfast nach einem Eierbecher verlangte, erwiderte der Lakai mit ver-legenem Lächeln, die „Herrschaften " hätten die Gewohnheit, die Eier inein Kognakgläschen zu stecken. Und gar die W. C. ließen alles zu wünschenübrig. Selbstbewußt und eigensinnig, wie sie von Natur war, wußte diedamalige Prinzeß Friedrich Wilhelm von Preußen sich nicht mit ihrenSchwiegereltern zu stellen. Um so besser gelang es ihr bald, starken Einflußauf ihren edlen, herzensguten, tapferen und dabei milden Mann zu gewinnen.Der spätere Botschafter von Schweinitz, damals Adjutant des PrinzenFriedrich Wilhelm , der dessen Hochzeit beigewohnt hatte, erzählte mir,die Prinzessin habe bei der Abreise von Windsor, nachdem die Abschieds-küsse mit der zurückbleibenden englischen Familie ausgetauscht worden