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waren, den ihr eben angetrauten Mann unter den Arm genommen und miteiner energischen Bewegung zum Eisenbahncoupe geführt. „So hat sie ihndurch das ganze Leben dirigiert", fügte Schweinitz hinzu. Es wäre unge-recht, nicht hinzuzufügen, daß die Kronprinzessin intellektuell ihrem Mannüberlegen war, daß sie weitere Horizonte hatte, weniger Hemmungen, eineraschere Auffassung, eine größere Beweglichkeit des Geistes. Aber obwohlsie ihren Mann zärtlich liebte, hat sie, solange dieser lebte, seine herrlichenEigenschaften, die Lauterkeit seines Wesens, seine Reinheit, seine Ritter-lichkeit, seine vollkommene Furchtlosigkeit, seine Gewissenhaftigkeit undPflichttreue, seine rührende Herzensgüte nicht so gewürdigt, wie sie dieshätte tun sollen.
Ich möchte schon hier sagen, daß alles, was über eine Neigung der Kron-prinzessin für ihren Kammerherrn, den Grafen Goetz Seckendorff , ge-tuschelt wurde, alberner, völlig unbegründeter Klatsch ist. Die StellungSeckendorffs am kronprinzlichen Hofe beruhte zum kleineren Teil darauf,daß er sich sehr gut auf Haushaltung, Arrangement im Hause, auf Einkäufevon Antiquitäten verstand, auch allerhand dilettantische Liebhabereiender Kronprinzessin für Aquarellieren, Gartenkunst u. ä. teilte. Zum größerenTeil lag das Geheimnis seines Einflusses in der rücksichtslosen, ungeniertenArt, mit der er seiner hohen Gebieterin widersprach, was ihm als Aufrichtig-keit und wahre Treue ausgelegt wurde. Ganz ähnlich stand es zwischen derKönigin Victoria und dem Leibjäger ihres verewigten, von ihr innig ge-liebten Gemahls, dem Schotten Brown. Der grobe Freimut, den dieserbiedere Landsmann von Walter Scott immer und überall an den Tag legte,bürgte Ihrer Majestät nur für seine unbedingte Zuverlässigkeit. Der Leibarztder Königin, der von ihr nach Rumänien geschickt worden war, um diedamalige Maria von Rumänien zu entbinden, erzählte mir, als wir uns inSinaja begegneten, wo wir viel zusammen spazierengingen, er sei in London zugegen gewesen, als die Königin nach einem Besuch bei ihrer Schwieger-tochter, der Herzogin von Connaught, in ihren Wagen stieg. Hinten aufdem Bock saß John Brown. Die Königin fragte nach ihrem Schal. JohnBrown entgegnete ihr, sie säße ja auf ihrem Schal, und fügte brummendhinzu, aus Zerstreutheit würde Ihre Majestät wohl nächstens ihren Kopfverlieren. Ruhig und milde entgegnete die Königin: „You are very right.I am a poor widow, >vho lost her dear beloved husband and who feels veryhelpless." Vollends die Behauptung, die Kaiserin Friedrich habe sich nachdem Tode ihres Gemahls mit dem Grafen Seckendorf? heimlich vermählt,ist eine der albernsten Lügen, die je verbreitet wurden. Der KammerherrGraf Götz von Seckendorff gehörte einer alten fränkischen Familie an, vonder ein Zweig im achtzehnten Jahrhundert über Ansbach und Bayreuth nach Preußen gekommen war. Der berühmteste Sohn des Geschlechts war