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DIE HÖFLINGE
ungewöhnlichen Heftigkeit, er könne seinen höchsten Orden nicht „weg-werfen". Als ich darauf hinwies, daß dieser hohe Orden schon manchenPersonen verliehen worden wäre, die weniger Anspruch darauf hätten alsder Minister des Äußern einer Großmacht, meinte Seine Majestät, daßich, immer nur von rein politischen Motiven beherrscht, für seine innersten,heiligsten Gefühle kein Verständnis hätte. Tschirschky verstände ihnbesser; Tschirschky habe ihm noch vor einer Stunde erklärt, er hätte ganzrecht, wenn er sich weigere, Lambsdorff den hohen Orden vom SchwarzenAdler zu geben. In diesem Moment tauchte Tschirschky nicht weit von unswieder auf. Ich winkte ihn heran und fragte ihn, indem ich ihm scharf in dieAugen sah, ob er dem Kaiser von der Verleihung des Schwarzen Adler-ordens abgeraten habe. Tschirschky bekam einen feuerroten Kopf, aberer erwiderte nichts. Die Unterredung zwischen Seiner Majestät und mirdauerte noch geraume Zeit und endete damit, daß der Kaiser mir sagte,er würde seinen Vetter, Kollegen und Freund Nicky fragen, welchen preu-ßischen Orden er für Lambsdorff wünsche. Als ich später den alten Lucanusfragte, wie der Kaiser noch Vertrauen haben könne zu Herrn von Tschirschky,der doch auf einer flagranten Unwahrheit ertappt worden wäre, erwidertemir der vielerfahrene Greis: „Tschirschky wird einfach dem Kaiser sagen,er wäre innerlich bei der Ansicht geblieben, daß Seine Majestät mit seinerWeigerung völlig im Recht sei. Der Kanzler wäre aber herrschsüchtig undnachträgerisch, deshalb habe er lavieren müssen."
Zu meinem Befremden befand sich in der kaiserlichen Umgebung auch
Fürst Max der Fürst Max Fürstenberg, mit dem ich übrigens damals gut stand. ErEgon von machte mir in jeder Weise den Hof. Als ich im Frühjahr 1901 kurze Zeit
Fürstenberg am >pi t j see j m Schwarzwald weilte, lud er mich und meine Frau auf seinschönes Schloß in Donaueschingen ein, wo er uns mit Liebenswürdigkeitenüberhäufte. Diesen österreichischen Grandseigneur zu einer Begegnung mitdem russischen Kaiser mitzunehmen, war natürlich ein politischer Fehler.Ein mir seit Jahren befreundeter russischer Flügeladjutant sagte mir halbim Scherz, halb im Ernst: „Was würden Sie dazu sagen, wenn wir einenprominenten Franzosen mitgebracht hätten?" Wie alle Höflinge war MaxFürstenberg vor allem bemüht, Kaiser Wilhelm II. zu amüsieren. Er Keßsich jeden Morgen aus Wien den neuesten Börsenwitz telegraphieren, umdiesen dem Kaiser beim ersten Frühstück vorzusetzen. Er küßte auchSeiner Majestät bei jeder Gelegenheit die Hand. Wieviel Unheil haben inmonarchischen Staaten Höflinge angerichtet! Die Witze, mit denen dieGünstlinge Wilhelms II. ihm die Zeit zu vertreiben suchten, haben poli-tisch manche schädliche Wirkung gehabt. Den Grund zu der ungünstigen,persiflierenden Beurteilung des Kronprinzen Viktor Emanuel von Italien undseiner Gattin, der späteren Königin Elena, hatten Philipp Eulenburg und