DER SEEKRANKE LAMBSDORFF
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Kuno Moltke gelegt, als sie bei einer Nordlandreise, die zu einer Begegnungzwischen unserem Kaiser und dem damaligen italienischen Kronprinzen-paar führte, allerlei alberne Witze über letzteres machten, über den„kleinen" Prinzen und die Prinzessin aus den „wilden" Bergen derCrnagora.
Bei der Entrevue von Heia suchte sich Max Fürstenberg als Objektseiner mokanten Bemerkungen Lambsdorff aus. Der russische Ministervertrug die See nicht und sah sehr blaß aus, als er bei ziemhch starkemSeegang in einem schwankenden Boot zur „Hohenzollern " fuhr. Er warungewandt und schwächlich, und die Art und Weise, wie er vom Boot aufdas Fallreep gelangte, war nicht gerade ein Meisterstück der Turnerei. Ertrug auch nicht das kleidsame Jacht-Kostüm, das alle Seine Majestätbegleitenden Herren angelegt hatten, sondern er erschien in der häßlichenrussischen Beamtenuniform, die ihm eine unerwünschte Ähnlichkeit miteinem älteren Zollbeamten gab, in sehr hoher Mütze mit großem Schirmund großer Kokarde. Da er von kleiner Statur war, so trug er Schuhe mitsehr hohen Absätzen, ein Kunstgriff, dessen sich übrigens auch le Grand RoiLouis XIV bedient haben soll, um seine Figur zu verlängern. Der Kaiser,von Fürstenberg auf die hohen Hacken, die Riesenmütze und die bleicheGesichtsfarbe des Grafen Lambsdorff aufmerksam gemacht, erlaubte sichdiesem gegenüber einige wenig glückliche Scherze, die den Minister insichtliche Verlegenheit setzten. Als ich mit Bedauern diese Vorgänge wahr-genommen hatte, hielt ich es um so mehr für meine Pflicht, noch einmal undenergisch wegen der Verleihung des Schwarzen Adlerordens an Lambsdorffzu insistieren. Ich klopfte unangemeldet an die Tür der Kabine SeinerMajestät und trat bei ihm ein, während er sich zum Diner umzog. Ersperrte sich noch immer, meinte aber schließlich, da ich es durchaus wolle,müsse er nachgeben.
Das Diner nahm den besten Verlauf, der Zar zog mich nach Aufhebungder Tafel in eine längere Unterhaltung, in der er mir spontan sagte: Rußland Der Zarund Deutschland würden, wenn sie nicht friedlich und freundschaftlich, en und Bülou>paix et en amitie, miteinander auskämen, sich ins eigene Fleisch schneiden.Den Vorteil von einer Brouille zwischen Preußen-Deutschland und Rußland würden die Revolution und die Polen haben, den Nachteil aber die beidenReiche und ihre Dynastien. Er überreichte mir dann den Andreasorden,wie er sich ausdrückte: „Comme preuve de mon amitie pour vous et de maconfiance en vous." Während der Zar sich mit mir unterhielt, hatte KaiserWilhelm die preußischen Dekorationen selbst an die russische Umgebungverteilt. Ich bemerkte, daß Lambsdorff, der bis dahin trotz der Witzeleiendes Kaisers über seine mangelhaften nautischen Fähigkeiten eine heitereMiene zur Schau trug, einen so verdrießlichen, ja giftigen Ausdruck