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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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MALWIDA, DIE IDEALISTIN

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nicht so alt werden wie die Sibylle von Cumae, die schon 700 Jahre zählte,als Aeneas sie aufsuchte, und dann noch drei Jahrhunderte lebte? Ichdenke oft an Sie. Was uns zu trennen scheint, gehört der Erscheinungsweltan, was uns verbindet, ist unvergängbch." Sie antwortete mir in einemlängeren Brief, an dem sie mit Rücksicht auf ihre vorschreitende Krankheitfünf oder sechs Tage geschrieben hatte. Diese Antwort spiegelt den hohenGeist dieser Frau so wundervoll wieder, daß ich sie folgen lassen möchte:Nein, lieber Freund, ich möchte nicht die 700 Jahre der Sibylle von Cumaeerleben, weil man, wenn man die Geschichte so aus der Vogelperspektivesieht wie ich jetzt, es einsehen muß, daß in der Welt der Erscheinung dieIdeale nur wie Meteore vorüberziehen und nur in einzelnen, großen, reinenSeelen zur Wirklichkeit werden. Es ist übrigens auch keine Wahrschein-lichkeit, nicht einmal zu 300, denn der schwere Anfall dieses Wintersläßt sich noch nicht recht überwinden. Und nun zum Schluß noch einekleine Erzählung aus meinem tiefinnerlichsten Erleben, die kein Menschaußer Ihnen kennen wird, da Sprechen über so etwas entweiht. Es sei aberAntwort auf Ihre lieben Worte, daß, was uns verbindet, das Unvergäng-liche ist, und zugleich ein Vermächtnis meiner Freundschaft für Sie, dieSie, in wohl nicht zu fernen Tagen, wenn ich die Welt der Erscheinungenverlassen habe, liebevoll an mich erinnern möge. In den schlaflosen Nächtenjetzt, während der schlimmsten Periode der Krankheit, war mein Geistvollkommen klar und frei und beschäftigte sich mit den höchsten Lebens-fragen. In einer Nacht, ganz besonders klar und bewußt, fühlte ich michwirklich wie allem Zeitlichen entrückt, im Urgrund des Seins höchsterSeligkeit genießend. Da war keine Form, kein Bild, der letzte Schleier warnoch nicht zerrissen, nur die Nähe der Vollendung war mir deutlich, undich fragte: Was ist es ? Ist es die Liebe, die große, reine, erlösende ? Nein,es ist noch viel höher, ward mir zur Antwort, es ist das Ewige, das alleinWahre, das endlos Zeugende, das alles in sich Begreifende. Und ichschwamm wie getragen auf Wellen unsäglicher Wonne, und plötzlich riefes aus den Tiefen der Seele, des eigentlichen Selbst, das im Tageslärm soselten zum Ausdruck kommt: Ich bete an!" Dieser Brief war das letzteLebenszeichen, das ich von derIdealistin" erhielt.

Am Schluß des Jahres 1901 bekam ich ein persönliches Telegramm desKönigs Albert von Sachsen , in dem er mir den Wunsch aussprach, daß dasneue Jahr mich zum Wohl des Reichs in ungetrübter Kraft erhalten möge.Wenige Monate später starb der edle und bedeutende König.