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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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WILHELM IL NEBEN COSIMA

angeborenem Schönheitsgefühl die Erfahrungen verband, die sie im Verkehrmit Morelli, mit Lenbach und Makart , mit Barnabei und Baracco,Nieuwekerke, Carpeaux, Ary Scheffer und vielen anderen Künstlern undKunstkennern erworben hatte, tadelte an der Siegesallee , daß die Denkmälerin Marmor ausgeführt wären, der sich im Norden nie gut ausnähme, denn erbrauche, um zu wirken, italienische oder griechische Sonne. Auch würdedas Ganze dadurch etwas monoton, daß alle dem Hause Hohenzollern ent-stammenden Fürsten in gar zu selbstbewußter Attitüde dargestellt würden.Trotzdem sei alles in allem das Ganze nicht so übel. Aber selbst wohlwollendeBeurteiler lächelten, als der Kaiser bei diesem Anlaß (nicht in meinemBeisein) eine Rede hielt, in der er erklärte, daß die moderne Berliner Bild-hauerschule auf der Höhe der klassischen Zeit der Griechen und der italieni-schen Renaissance stünde. Er verglich sich selbst zwar nicht mit Perikles ,aber doch mit Lorenzo Medici und sprach die Hoffnung aus, daß auch seinenEnkeln und Urenkeln gleiche Meister zur Seite stehen möchten, wie die-jenigen, die unter seiner Leitung die Siegesallee geschaffen hätten.DerEindruck, den die Siegesallee auf die Fremden macht, ist ein ganz über-wältigender. Überall macht sich ein ungeheurer Respekt für die deutscheBildhauerei bemerkbar." Da es in dieser Rede auch nicht an einem heftigenAusfall gegen die moderne Richtung in der Kunst fehlte, die ,,in denRinnstein niedersteigt", so trug leider auch dieser Redeerguß dazu bei, dieKluft zwischen dem in mancher Hinsicht modern und fortschrittlichgesinnten Kaiser und den Intellektuellen in Deutschland zu erweitern. Ichhatte zu viel damit zu tun, den Kaiser politisch auf dem richtigen Weg zuerhalten, als daß ich mit ihm auch noch über ästhetische Probleme hättediskutieren können. Es wäre auch wohl nutzlos gewesen, denn Wilhelm II. war auf künstlerischem Gebiet durch und durch Dilettant, und das Wesendes Dilettanten besteht bekanntlich darin, daß er sich über die Schwierig-keiten und den Ernst der Kunst nicht im klaren ist. Als Kaiser Wilhelm II. sich einmal für den Abend bei uns angesagt hatte, richtete ich es bei demSouper so ein, daß er neben Cosima Wagner saß, die gerade in Berlin weilte.Sie führten eine lange und angeregte Konversation miteinander. Als ichspäter Frau Cosima frug, wie sie sich mit dem Kaiser verstanden hätte,meinte sie, eine der bedeutendsten Frauen, die mir in meinem Lebenbegegnet sind:Der Kaiser ist menschlich sehr sympathisch, aber um ihmauch nur die Anfangsgründe der Kunst klarzumachen, müßte ich dreiJahre mit ihm allein auf einer einsamen Insel sein."

Von Frau Cosima hatte ich zu meinem Bedauern erfahren, daß es umTod von unsere liebe alte Freundin Malwida von Meysenbug nicht zum bestenMalivida von stehe. Ich hatte ihr sogleich geschrieben und tröstend unter anderemMeysenbug esa ^ : ;) I nn ig hoffe ich, Sie haben sich wieder erholt. Warum sollten Sie