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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER NEUE PRINZ VON WALES IN BERLIN

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Frankfurter Zeitung ", mein Freund August Stein, sich nicht mit Unrechtin einem Irrenhaus wähnten. Ich setzte mich mit dem Kultusminister undmit dem Kriegsminister in Verbindung, damit auf die Kriegervereine undauf die Synoden energisch eingewirkt würde. Die Bewegung flaute auchbald ab. Aber es hatte sich bei diesem Anlaß wieder gezeigt, wie übertriebenund unvernünftig antienglisch die Stimmung in Deutschland war und wieunerschütterlich selbstbewußt und hochmütig der Engländer. ZweiDezennien sind seit diesem Zwischenfall verflossen. Bei völlig ruhiger,objektiver und rein geschichtlicher Betrachtung der ganzen Angelegenheitgebe ich auch heute der Überzeugung Ausdruck, daß ich die Abweisungdes Chamberlainschen Vorstoßes nicht nur der Würde unseres Landesschuldig war, sondern daß ich damit auch politisch richtig und im Interessedes Friedens handelte.Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen",pflegte Bismarck zu sagen. Wer auf leichtfertige, völlig unbegründeteHerausforderungen des Auslands nichts erwidert, wer sich unentschuldbareAnremplungen fremder Minister gefallen läßt, der provoziert neue Angriffeund erfährt und verdient schließlich dauernd schlechte Behandlung. Alsviele Jahre später, nach meinem Rücktritt, anläßlich der Entsendung desPanther" nach Agadir Lloyd George das Deutsche Reich brüskierte,schwieg Bethmann Hollweg und steckte diese Ohrfeige ohne Widerspruchein. Acht Wochen darauf sagte mir einer der klügsten italienischen Diplo-maten, der aus Paris und London kam:Die europäische Situation fängtan, mich, der ich sie bisher günstig beurteilt habe, ernstlich zu beunruhigen.Daß der deutsche Reichskanzler die Sottisen von Lloyd George eingesteckthat, ohne dagegen irgendwie zu reagieren, erweckt in England die Emp-findung, Deutschland fühle sich nicht mehr sicher. Noch bedenklicher ist,daß seitdem den Franzosen der Kamm gewaltig schwoll." Derespritnouveau" wurde in dem Augenblick in Frankreich geboren, wo man inBerlin die Provokation von Lloyd George ohne Widerspruch hinnahm.

Zum Geburtstag des Kaisers erschien am 27. Januar 1902 der Prinz vonWales in Berlin , im ausdrücklichen Auftrag seines Vaters, des Königs dEduard VII., der durch diese Entsendung zeigen wollte, daß die deutsch - Benglischen Beziehungen nach wie vor friedlich und freundlich wären. Nach ^ edem Galadiner im Weißen Saal fand im Heinrichssaal ein Bierabend statt.Wilhelm II. hebte es, nach feierlichen Hoffesten noch eine gemütliche Aus-sprache abzuhalten. Wir hatten uns kaum gesetzt, als der Prinz von Wales auf mich zukam, mir die Hand schüttelte und mich frug, ob er sich offenmit mir aussprechen könne. Ich hatte es vor wie nach dem Diner vermieden,mich Seiner Königlichen Hoheit zu nähern, ließ den hohen Herrn vielmehran mich herankommen. Als der Prinz mich so freundlich und freimütig an-redete, erwiderte ich natürlich sogleich, daß ich für eine offene Aussprache