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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER ERBE DER BRITISCHEN KRONE

Seiner Königlichen Hoheit sehr dankbar sein würde. Ich bäte nur um dieErlaubnis, meinerseits ebenso offen antworten zu dürfen. Der Prinz, dereinen klaren, verständigen, sehr männlichen Eindruck machte, begann mitder Hervorhebung der Verdienste, die sich Mr. Chamberlain um England erworben hätte.Ihm ist zu verdanken, wenn in den Kolonien jetzt einloyaler britischer Sinn herrscht. Die Idee eines großen britischen Empireist seinem Kopf entsprungen. Damit muß mein Vater König Eduard rechnen. Übrigens hat Mr. Chamberlain mir vor meiner Abreise versichert,daß er niemals beabsichtigt hätte, der deutschen Armee und dem deutschenVolk zu nahe zu treten." Ich erwiderte, daß hinsichtlich der Verdienste einesenglischen Ministers um England Seine Majestät der König von England der einzige zuständige Richter sei.Aber auch ich", fuhr ich fort,bin weitdavon entfernt, die großen Gaben und Leistungen des englischen Kolonial-ministers zu bestreiten, die ich im Gegenteil sehr hochstelle. Ich bezweifleauch nicht, daß Mr. Chamberlain Deutschland nicht mit Absicht beleidigthat. Er hat aber den Fehler begangen, nicht etwa das englische Heer undenglische Kriegsusancen mit dem deutschen Heer und deutschen Kriegs-gebräuchen auf eine Stufe zu stellen das hätten wir nicht übelnehmenkönnen, sondern zu erklären, das, was bisher bei der englischen Krieg-führung in Südafrika geschehen sei, auch nicht annähernd an die Vor-kommnisse des Krieges von 1870/71 heranreiche. Das habe ich im Hinblickauf berechtigtes deutsches Volksempfinden wie auf die Armee, deren Uni-form ich seit über dreißig Jahren trage, mit Ernst zurückweisen müssen."

Der Prinz meinte, ich möge nicht vergessen, daß Chamberlain alsKolonialminister und für englische Kaufleute gesprochen habe, die nurkoloniale Dinge verstünden und im Kopf hätten; diesem Milieu wäre seinEdinburger Speech angepaßt gewesen. Ich antwortete, daß auch ich michin meiner Redeweise nach dem Milieu richten müsse, in dem ich zu sprechenhabe:Wenn ich die Ehre hätte, vor Ihnen, Königliche Hoheit, und vorallen übrigen jetzt im Heinrichssaal versammelten Fürstlichkeiten eineRede zu halten, so würde sie anders ausfallen, als wenn ich mich an deutscheLandwirte, Rechtsanwälte oder Professoren wendete. Im allgemeinenmöchte ich meinen, daß Minister, möge es sich nun um Mr. Chamberlainoder um mich handeln, überhaupt nicht zu oft und über auswärtige Ver-hältnisse möglichst selten reden sollten." Dem stimmte der Prinz mitWärme und mit heiterem Lächeln zu. Als er mir dann mit lebhafter Be-friedigung von seinem Berliner Aufenthalt wie von der Herzlichkeit desihm zuteil gewordenen Empfangs sprach, sagte ich ihm, ich hätte nie aneiner solchen Aufnahme des Erben der britischen Krone gezweifelt.Ichgebe zu", sagte ich,daß es nicht ganz leicht ist, die gegenwärtige deutscheStimmung gegenüber England zu erklären. Man fühlt sich in Deutschland