DER DEUTSCHE VETTER
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infolge von mancherlei älteren und neueren Vorkommnissen von England schlecht behandelt." Ich gab Seiner Königlichen Hoheit einen kurzen Abrißder deutsch-englischen Beziehungen vom Krim krieg und der Austragungder schleswig -holsteinschen Frage bis zu Samoa und zur Beschlagnahmeunserer Postdampfer. Dazu komme das nicht nur in Deutschland , sondernin ganz Europa , ja in der ganzen Welt bestehende Mitgefühl für die Buren.„Von Haß gegen England, das heißt dem Wunsch, England politisch zuschwächen, ist aber bei keinem zurechnungsfähigen Deutschen die Rede.Hiervon abgesehen, wird Kaiser Wilhelm II. nie eine England feindlichePolitik machen, solange ihm von engbscher Seite eine für England freund-liche Haltung nur irgendwie möglich gemacht wird. Das Schreien undSchimpfen der Presse hüben und drüben ist albern, involviert aber keineGefahr für den Frieden, wenn die Regierungen ruhig Blut behalten. Diedeutsche und die englische Regierung sind vollkommen in der Lage,friedliche und freundliche Beziehungen zwischen Deutschland und England aufrecht- und die Zukunft für eine intimere Annäherung offenzuhalten."Der Prinz folgte meinen historisch-politischen Darlegungen mit Interesse,stimmte meinen Konklusionen mit Lebhaftigkeit zu und sagte mir schließ-lich wörtlich: „Mein Vater hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, daß er Sienach wie vor als seinen Freund betrachtet. Er ist auch überzeugt, daß Siegute Beziehungen zu England ebenso lebhaft wünschen wie er gute Be-ziehungen zu Deutschland . Er bittet nur, weitere Rekriminationen überdas Vergangene zu vermeiden und über die anläßlich meines Erscheinenszum Geburtstag meines Vetters, des Kaisers, ausgewechselten Familien-briefe nichts in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Wir müssen das Ver-gangene vergangen sein lassen und nur daran denken, daß wir in Zukunftgute Freunde bleiben wollen." Als ich selbstverständlich vollste Diskretionund außerdem politisch den besten Willen in Aussicht stellte, verabschiedetesich der Prinz von mir mit wiederholtem Händedruck und der Versicherung,daß es ihm eine große Beruhigung und Freude gewesen sei, sich mit miraussprechen zu können.
Wie nach einem heftigen Sturm, auch wenn Poseidon nicht mehr dieWinde erregt, sich noch längere Zeit die Dünung bemerkbar macht, eine VeiWellenbewegung der See, die eine Nachwirkung des vorhergegangenen Zu>Sturms ist, so dauerte in England die während des Burenkrieges ent-standene oder, richtiger gesagt, durch den Burenkrieg wieder akut gewordeneAbneigung und Verstimmung gegen den deutschen Vetter noch längereZeit an. Sie trat namentlich bei dem Venezuela -Zwischenfall zutage, alsEnde November 1902 die englische und die deutsche Regierung gemeinsamdie von der venezolanischen Regierung hartnäckig verweigerte Zahlungder deutschen und englischen Staatsangehörigen geschuldeten Gelder