BOTSCHAFTER METTERNICH
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gelegen hätten. Aber auch dazu war guter Grund vorhanden, und das Re-sultat ist die vorherrschende Stimmung. Ich betrachte sie selber als eineAnsteckung durch Deutschland . Wir sind in der Genesung begriffen,während hier erst der Höhepunkt des Fiebers und damit der Raserei er-reicht ist." Ohne die geniale Ader seines Vorgängers Paul Hatzfeldt zubesitzen, zeichnete sich Paul Metternich durch gesunden Menschenverstandund unerschütterliche Ruhe aus, sicherlich diejenige Eigenschaft, die inbewegten Zeitläuften einem Diplomaten vor allem nottut.
Mein Geburtstag wurde mir am 3. Mai 1902 dadurch verschönert, daßder gerade in Rerlin weilende Generalfeldmarschall von Loe mir die Ehre Geburtstags
erwies, sich bei uns zu Tisch anzusagen. In der Uniform unseres alten Regi- rede des
eil
ments hielt er eine Ansprache an mich, deren Niederschrift er mir einige ucnerals ^ cTage später übersandte. Ich gebe seine Rede wieder.
„Meine hochverehrte Gönnerin! Ihre Einladung, heute im Kreise dervertrauten Freunde an dieser Tafel Platz zu nehmen, hat mir die denkbargrößte Freude bereitet. Sie haben den Wert derselben durch die Genehmi-gung meiner Bitte verdoppelt, der Verehrung und Bewunderung IhrerGäste für Ihren Gemahl in Worten Ausdruck geben zu dürfen. Ich leugnenicht, daß ich meine Bitte zaghaft ausgesprochen habe. Diesmal bin ichnicht sicher, der begeisterten allseitigen Empfindung entsprechend diewürdige Form zu finden. Namentlich nicht vor Zuhörern, welche gewohntsind, den Reichskanzler nicht allein als den überlegenen Staatsmann,sondern auch als den Meister der Rede zu bewundern. Aber nachdem ichdas Wort ergriffen, ist die Zaghaftigkeit überwunden. Mich ermutigt dasBewußtsein, in dieser Versammlung des Reichskanzlers ältester Freund zusein und als solcher seiner Laufbahn von Anfang an mit hellem Blicke undwarmem Herzen nahegestanden zu haben. So will ich denn reden, wie esmir ums Herz ist, und dann weiß ich, daß Sie mit mir zufrieden sein werden.Vor kurzem wurde ich in Rom gefragt, welche die schönste Erinnerungmeines langen und glücklichen Berufslebens sei. Ich antwortete: in einemsiegreichen Kriege ein Regiment kommandiert zu haben, welches bezüglichder aus ihm hervorgegangenen ausgezeichneten Männer an der Spitze derArmee steht. Daß mir bei der Antwort in dieser nicht geringen Zahl anerster Stelle der Reichskanzler vorschwebte, bedarf wohl keiner Erwähnung.Wenn ich von seiner frühesten Jugend seiner Entwicklung aufmerksamfolgen konnte, so verdanke ich diese Freude dem Vertrauen seines mir nahebefreundeten Vaters, des Staatssekretärs von Bülow. Beim Ausbruch desFranzösischen Krieges wählte derselbe das Königshusaren-Regiment, umseinen hoffnungsvollen ältesten Sohn bei demselben eintreten zu lassen. Eswar in den ersten Novembertagen 1870, unmittelbar nach der Kapitulationvon Metz und vor dem Beginne des Nord-Feldzuges, als ich ein von Bonn