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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EINE DREISSIGJÄHRIGE FREUNDSCHAFT

eingetroffenes Ersatz-Kommando besichtigte. Da meldete sich bei mir derjunge Husar von Bülow mit einem Briefe seines Vaters. In die 1. Eskadroneingestellt, nahm er mit derselben an allen Schlachten und Gefechten desNord-Feldzuges teil. Seines in der Armee berühmten Namens eingedenk,zeichnete sich der junge Husar in glänzendem Wetteifer mit seinen Kame-raden namentlich als Patrouillenreiter dergestalt aus, daß ich ihn zu rascherBeförderung vorschlagen konnte. Am 19. Januar, dem glorreichen Schlacht-tage von Saint-Quentin, wurde er zum Fahnenjunker, kurze Zeit daraufzum Offizier ernannt. Bald nach dem Friedensschlüsse nahm er seine ur-sprünglich geplante Laufbahn wieder auf, aber seine Dienstzeit im aktivenHeere, seine Teilnahme an dem ruhmvollen Feldzuge hat wesentlich dazubeigetragen, in ihm die angeborene Liebe zur Armee zu steigern. Die fürjeden preußischen Staatsmann unentbehrliche Uberzeugung, daß dieArmee der ,rocher de bronze' des Preußischen Staates ist, blieb in ihmunerschütterlich. Seine ideale Auffassung auf diesem Gebiete, die gemein-same Erinnerung an den Feldzug war das Band zwischen dem kühn auf-strebenden jungen Manne und seinem Feldobersten. Es ist zwischen demReichskanzler auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit und dem alten General,welcher frohen Sinnes auf seine Vergangenheit zurückbbekt, unauflöslichgeblieben. Unsere dreißigjährige Freundschaft, welche auf Frankreichs Schlachtfeldern Wurzel geschlagen, gehört zu den wertvollsten Errungen-schaften meiner Laufbahn. Dieses unser Verhältnis und unsere nahenFamüienbeziehungen brachten es mit sich, daß ich, nachdem der junge Offi-zier den aktiven Dienst verlassen, seiner Laufbahn ununterbrochen mitAufmerksamkeit gefolgt bin. Ich habe den Ernst beobachtet, mit welchemder junge Mann stets sein hohes Berufsziel im Auge behielt, den eisernenFleiß, welchen er während seines Dienstes im Auslande auf die Geschichts-kenntnis des betreffenden Landes, auf die Sprache und die Gesetze ver-wandte. Aus der mühevoll erworbenen Fähigkeit, sich überall in diefremden Verhältnisse und Personen hineinzufinden, hat sich bei ihm eineseltene Eigenschaft entwickelt, welche ihm über die riesenhaften Schwierig-keiten seiner hochverantwortüchen Stelle hinweghilft. Ich meine die Un-parteilichkeit seines Urteils, seine gewinnenden Formen im mündlichen undschriftlichen, im diplomatischen und politischen Verkehr, die Urbanitätseines Wesens, welche ihm während der heftigsten Kämpfe gegenüber denleidenschaftlichen Angriffen seiner Gegner die siegreiche Durchführungseines Wahlspruches: ,Suaviter in modo, fortiter in re'ermöglichte. For-titer in re! In diesem Teile des Wahlspruches gipfelt das Wesen seinerPolitik, weil er der Grundzug seines Charakters ist. Das Suaviter in modoist der wertvolle Rahmen. Ein solcher Charakter steht aber nicht in derJugend aus einem Gusse fertig da; er härtet und festigt sich im Kampfes-