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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DAS VERTRAUEN DES KAISERS

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leben des Mannes. Die Vorbedingung solcher Entwicklung ist der Glaubean ideale Lebensziele, welche dem Jünglinge vorschweben, an welchen derMann in jeder Lebenslage unerschütterlich festhält. Der gesunde Idealismusdes Reichskanzlers ist der Boden, auf welchem seine Persönlichkeit empor-gewachsen ist. Ich habe das Aufkeimen und das Wachstum der Pflanzebeobachtet, hatte in ihren Anfängen das Glück, sie pflegen zu dürfen.Welche sind aber die idealen Ziele des Reichskanzlers, an denen er fest-gehalten und die ihm heute als Sterne auf seiner mühevollen Bahn voran-leuchten ? Es ist vor allem der Glaube an den weltgeschichtlichen Beruf derHohenzollern und an ihre selbstgeschaffene Armee, welcher das Fundamentseiner Königstreue und der Eckstein seiner Politik ist. Es ist ferner seinestrenge Gewissenhaftigkeit, seine Gerechtigkeit und sein Pflichtgefühl, auswelchem die Achtung vor jedem Rechte entspringt jene große mensch-liche und staatsmännische Eigenschaft, welche ihm im Inlande das Ver-trauen der Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession, des Standes undder Partei, im Auslande der leitenden Persönlichkeiten ohne Unterschiedder Nationen sichert. Wenn er sich aber mit uns bewußt ist, daß das all-seitige Vertrauen der Hauptfaktor seiner Stärke ist, so vor allem das Ver-trauen Seiner Majestät des Kaisers, welches der Felsen ist, auf dem ersteht. Ich habe nun versucht, in wenigen Worten den Empfindungen Aus-druck zu geben, welche uns heute an dieser Tafel erfüllen. Aber ich würdemeine Aufgabe schlecht gelöst haben, wenn ich schließen würde, ohne unterden Idealen des Geburtstagskindes dasjenige genannt zu haben, welchesden ersten Platz in seinem Herzen hat. Ich habe geschildert, daß seinLeben Mühe und Arbeit ist, daß ihm auch der Lohn, die Zufriedenheitseines Kaisers, das Vertrauen der Nation, die eigene Befriedigung nichtfehlen. Aber das Glück, ohne welches der Mann auf dem Pflichtwege einsamwandelt das innerste Lebensglück bringt ihm die holde Frau, in derenAugen er jetzt sieht. Ihre zärtliche Liebe ist nicht allein der Schmuck seinesLebens, sie erhält ihm auch die Begeisterung für seinen Beruf; sie hilft ihmüber die Momente der Enttäuschung hinweg, von welchen im Berufslebenniemand verschont bleibt. Ihr wunderbares Herzensverständnis für denMann, welcher dem Vaterlande so notwendig ist, erhält dem Kaiser undDeutschland den Reichskanzler. Das ist ihr großes Verdienst, welches inder Geschichte unvergessen bleiben wird. Nun, so denke ich Ihrer Zustim-mung sicher zu sein, wenn ich Ihnen vorschlage, unsern heutigen Glück-wunsch in die herzlichen Worte zu fassen: Graf und Gräfin Bülow, sieleben hoch!" In meinem langen und bewegten Leben hat mir kaum einLob so wohlgetan wie diese Anerkennung meines alten Feldobersten.

Seit dem ersten Tage meiner Amtsführung als Reichskanzler und preußi-scher Ministerpräsident hatte ich mich mit besonderem Interesse den

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