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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DIE PREUSSISCHEN POLEN

Ostmarken- Problemen unserer Ostmark zugewandt. Was ich in meinem während desPolitik Weltkriegs , 1916, in Sonderausgabe erschienenen Buch überDeutschePolitik" am Schlüsse des Kapitels über die deutsche Ostmarkenpolitik spätersagte, daß ich die Ostmarkenfrage für eine der wichtigsten Fragen unsererinneren Politik hielt*, wurde mir schon fünfzehn Jahre früher klar, als ich micheingehend mit dem Gang dieser Politik beschäftigte und den so gewonnenenUberblick durch ausführliche Besprechungen mit Männern ergänzte, welchedie Verhältnisse in Posen, Westpreußen und Oberschlesien aus eigener An-schauung kannten. Unter diesen nenne ich in erster Linie den damaligenChef der Reichskanzlei, den Geheimen Rat Conrad, der ein gebürtigerWestpreuße war, den langjährigen Polizeipräsidenten in Posen Staudy,den Kultusminister Studt, der viele Jahre im Osten gedient hatte, denRegierungspräsidenten von Tiedemann in Bromberg und manche andere.Die Geschichte zeigt, daß deutsche Versuche, die Polen durch Entgegen-kommen zu gewinnen, diesen Zweck nie erreicht, wohl aber die deutschenInteressen geschädigt haben. Friedrich Wilhelm III. war nach Wiedererwer-bung von Posen und Westpreußen seinen polnischen Untertanen mit dergrößten Milde entgegengetreten. Ihrer Eigenart wurde weitgehend Rech-nung getragen, die pomische Landwirtschaft wurde besonders unterstützt,die Landräte durften gewählt werden und wurden polnisch gewählt, dempreußischen Oberpräsidenten wurde ein polnischer Statthalter zur Seite ge-setzt. Die Quittung war der Aufstand von 1830. Die damalige Insurrektionhatte wenigstens den Vorteil, daß neue Männer im Osten an die Spitzegestellt wurden, von denen die Namen des Generals von Grolman unddes Oberpräsidenten von Flottwell in der deutschen Geschichte stets einenehrenvollen Klang behalten werden. Sie hatten aber nur zehn Jahre Zeit,im Osten deutsche Politik zu treiben. Als Friedrich Wilhelm IV. , der inseiner romantischen Art für die Staatsräson weniger Verständnis besaß alssein nüchterner Vater und der denRacker von Staat", wie er ihn nannte,eigentlich höchst unsympathisch fand, der den trefflichen Oberpräsidentenvon Flottwell strafweise von Posen nach Magdeburg versetzte und wiederzu dem mißlungenen Kurs zwischen 1815 und 1830 zurückkehrte, einesogenanntenationale Reorganisation" Posens und Westpreußens unter-nahm, machte diese Politik nochmals ein völliges Fiasko, schon bevor dasJahr 1848 der großpolnischen Agitation die erwünschte Möglichkeit bot,ihre wahren Ziele und Gefühle an den Tag zu legen.

Ein neuer Umschwung, eine neue Wendung zum Guten trat erst wiederein, als Bismarck, auch auf diesem Gebiet wie auf so vielen anderen andie Traditionen des großen Königs anknüpfend, mit dem fundamentalen

* Fürst von Bülow ,Deutsche Politik", Volksausgabe, S. 243.