CAPRIVIS POLENKURS
563
Ansiedlungsgesetz von 1886 den Kampf um den Boden im großen Stilbegann. Das Ansiedlungswerk war und blieb das Kernstück der preußischenOstmarkenpolitik, denn es siedelte deutsche Menschen in den östlichenGebieten an. Wieder erfolgte ein neuer Rückschlag nach dem Sturz desFürsten Bismarck. Graf Caprivi hätte gerade bei Beginn seiner Amtszeiteine glänzende Chance gehabt, das Deutschtum im Osten zu fördern.Durch den Notstand der Landwirtschaft waren damals die Gutspreiserapide gesunken. Es wäre nicht schwer gewesen, eine gewaltige Landmassefür die Zwecke späterer Besiedlung durch Deutsche aus polnischer Hand zugewinnen. Caprivi glaubte aber in der Ostmarkenpolitik wieder einmal denKurs wechseln zu müssen. Daß er den Polen in Schul- und Kirchenfragenentgegenkam, war zu ertragen. Ich persönlich war immer der Ansicht,daß es nicht notwendig und nicht einmal politisch nützlich wäre, auf diesemGebiete die Polen zu drangsalieren. Caprivi aber ging so weit, durch eineHilfeleistung für die polnische Landbank eine Rettungsaktion für eben diepolnischen Grundbesitzer zu unternehmen, aus deren Liegenschaften dieAnsiedlungskommission bestrebt sein mußte Land zu erwerben. Man hatbehauptet, daß Caprivi , der, von seinem rein militärischen Standpunkt ausund weil überhaupt eine starre Natur, den Krieg gegen Rußland für un-vermeidlich hielt, sich für diesen Fall die Möglichkeit habe schaffen wollen,ein selbständiges polnisches Staatswesen wiederherzustellen. Ich glaube,daß dies ein ungerechter Vorwurf ist. Caprivi hatte doch zu viel altpreußi-sches Empfinden und zu viel Staatsgefühl, als daß er sich zu einer solchenVerirrung hätte hinreißen lassen. Er betrachtete die Polen wohl mehr mitden Augen eines friderizianischen Generals, der bereit sein konnte, einFreikorps aus Kroaten und Slowaken zu bilden, diesen aber deshalb nochnicht gestattet hätte, den Bestand der preußischen Monarchie zu gefährden.Um an unserer Ostgrenze ein selbständiges polnisches Reich zu errichten,bedurfte es eines Bethmann Hollweg, der ohne Verständnis für die Tradi-tionen des großen Königs und des größten deutschen Staatsmanns, unterdem Beifallsjubel von Hans Delbrück , Riezler (Rüdorffer) und ähnlichenToren, vielleicht auch von Österreich eingefangen und beeinflußt, diesenungeheuren Fehler beging und damit selbst die Axt an die Wurzel despreußischen Staates legte.
Von Anfang an war mir zweifellos, daß unsere Politik im Osten vorallem stetig sein mußte. Nichts hatte uns mehr geschadet als immer wieder-kehrende Schwankungen und Rückfälle in alte Fehler. Andererseits konnteich mir auch nicht verhehlen, daß, wie mit melancholischem Gesicht ineiner Staatsministerialsitzung einmal Graf Posadowsky ausführte, derlange Zeit in der Provinz Posen tätig gewesen war, die Ostmarkenfrage füruns nicht nur eine Frage der Polen in Deutschland , sondern auch eine
36*