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Frage der Deutschen unter den Polen war. Ich sah ein, daß aus Gründen,die mit unseren guten und mit unseren weniger guten Eigenschaften zu-sammenhingen, der Deutsche im Nationalitätenkampf nicht die wünschens-werte Widerstandskraft besitzt, daß er in diesem Kampfe nur zu oft Gefahrläuft, sein Volkstum zu verlieren, wenn ihm nicht der Staat den Rückenstärkt und ihm schützend und stützend zur Seite steht. In dem schwachenNationalgefühl des Deutschen lag eine der größten Schwierigkeiten derOstmarkenfrage, aber zugleich für mich der vielleicht stärkste Beweis fürdie Unerläßlichkeit einer festen und stetigen Ostmarkenpolitik. Wir be-saßen nun einmal nicht die Eigenschaften, die es den Franzosen ermöglichthatten, sich wenigstens die höheren Schichten der elsässischen und lothrin-gischen Bevölkerung zu assimilieren, mit denen Nizza und Korsika französi-siert worden waren. Was aus den Deutschen wurde, wenn nicht der Staatseine Hand über sie hielt, zeigte ein Blick auf Österreich . Ich kannte diedortigen Verhältnisse besser als die meisten Deutschen . Ich wußte, daß dasDeutschtum in Böhmen, in Mähren , in Krain und in Südsteiermark an dieWand gedrückt wurde und zurückging, sobald es von Wien aus nicht mehrgehalten wurde, daß es in Galizien, in Ungarn verdrängt und aufgesogenworden war, als es keinen Rückhalt mehr in Wien fand. Von sentimentalenRegungen gegenüber den Polen war ich frei. Ich hatte weder die Haltungder polnischen Intelligenz 1830 und 1848 vergessen, noch das Blutbad vonThorn, noch die erste Schlacht von Tannenberg, die größte Niederlage, dieunser Volkstum in Jahrhunderten erlitten hatte. Und wie sprangen diePolen selbst mit den Ruthenen in Galizien um! Führten nicht die Ruthenenin den Karpathen und am Pruth gleiche, nur noch heftigere und vor allemviel begründetere Klagen gegen die Polen als diese an der Warthe und an derWeichsel gegen uns ? Ich bin mir nie darüber im Zweifel gewesen, daß, wennes je den Polen gelingen würde, sich Deutsche zu unterwerfen, sie dieseUnglücklichen mit größter Härte und schnödem Übermut regieren würden.
Zu meiner Haltung in der Ostmarkenfrage bestimmten mich auch schwer-wiegende Gründe unserer auswärtigen Politik. Eine der Voraussetzungenfür die so wichtige und, nachdem von uns selbst in ungeschickter Weiseder Draht mit Rußland zerschnitten und das russisch -französische Bündnisermöglicht worden war, schwierige Aufrechterhaltung freundlicher Be-ziehungen zu Rußland war ein fester Kurs in unserer Polenpolitik. Jedeschwächliche Nachgiebigkeit gegenüber der großpolnischen Agitation beiuns erweckte Mißtrauen in St. Petersburg , wo man seit den Tagen vonCaprivi dahinter die Absicht vermutete, sich die Kooperation der Polen füreinen Krieg mit Rußland zu sichern. Ich war immer der Ansicht, daß wiralles Interesse daran hatten, einen Krieg mit Rußland zu vermeiden. Ichwar überzeugt, daß ein solcher Konflikt zu vermeiden war, und zwar in allen