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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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EIN SCHAUERLICHES FIASKO

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Ehren und mit aller Würde. Vor allem war ich davon durchdrungen, daßuns kaum ein größeres Unheil zustoßen könne als die Wiederherstellungeines seihständigen Polens . Zu dieser Ansicht habe ich mich nicht etwa postfestum bekehrt, nachdem das Experiment von Bethmann Hollweg undseinen Freunden ein so elendes, ein so schauerliches Fiasko gemacht hat.Seit den ersten Tagen meiner Amtsführung als Reichskanzler war ich eben-so durchdrungen von der Gefahr jeder Wiederherstellung von Polen wievon der Notwendigkeit, das Deutschtum in unseren östlichen Provinzenmit Stetigkeit und mit Energie zu schützen und zu fördern. Auf meinemSchreibtisch lag während vieler Jahre der prächtige Aufsatz von Treitschke über das deutsche Ordensland Preußen. Darum hatte ich schon am 10. De-zember 1901 im Reichstag erklärt, daß für meine Ostmarkenpolitik nichtsanderes maßgebend sein könne als die Staatsräson und meine Pflicht gegen-über dem Deutschtum. Dieser meiner Pflicht wolle ich eingedenk bleiben.Angesichts der ernsten Gefahr, die nach meiner Überzeugung unseremVolkstum im Osten drohe, würde ich tun, was meines Amtes sei, damit derDeutsche im Osten nicht unter die Räder komme*.

Damals hatte ein unbedeutender Vorfall in einer Gemeindeschule in derkleinen Kreisstadt Wreschen in Warschau und in Lemberg zu deutsch - Polnisifeindlichen Kundgebungen vor dem Deutschen Konsulat geführt. In War- Demonschau waren diese Demonstrationen von der russischen Polizei mit Ent- stratl °'schlossenheit unterdrückt worden. In Lemberg war die Haltung der k. k.Behörden zweideutig und schwächlich gewesen. Auch darauf hatte ich inmeiner Reichstagsrede hingewiesen, was den österreichisch-ungarischenVertreter in Berlin , meinen alten Freund Szögyenyi, sehr unglücklichmachte, aber für den Ballplatz in Wien ein nützlicher Avis au lecteur war.In einer zweistündigen Rede im Preußischen Landtag** entwickelte icham 13. Januar 1902 meinen Standpunkt in der Ostmarkenfrage ausführlichund gründlich. Ich wandte mich vor allem gegen den Vorwurf, als ob ichirgendwie daran dächte, im Osten den Rechten der katholischen Kircheoder den Empfindungen katholischer Staatsbürger zunahezutreten. SolcheRechte und Empfindungen würde ich immer und überall gewissenhaftrespektieren. Ich würde die Politik des Landes niemals nach einseitigkonfessionellen Gesichtspunkten zurechtschneiden. Ich würde ebensowenigeine protestantisch-konfessionelle wie eine katholisch-konfessionelle Politikmachen, so wenig eine liberale wie eine konservative Parteipolitik. Für michgäbe es weder ein evangehsches noch ein katholisches, so wenig ein konser-vatives wie ein liberales Deutschland , sondern vor meinen Augen stündedie eine und unteilbare Nation, unteilbar in materieller und unteilbar in

* Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 237: Kleine Ausgabe II, S. 22.** Fürst Bülows Reden, Große Ausgabe I, S. 256; Kleine Ausgabe II, S. 93.