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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER POLONISMUS

ideeller Beziehung. Ein solches Bekenntnis war nützlich und notwendig inDeutschland , wo leider seit jeher nicht nur einseitige konfessionelle Ge-sichtspunkte, sondern noch mehr Parteiinteressen und Parteivorurteile,jämmerliche Parteistänkereien und last, not least partikularistische Ten-denzen nationale Erwägungen und die Gebote der Staatsräson überwuchern.In anderen großen Ländern wäre eine solche Erklärung kaum erforderlichgewesen. Ich führte weiter aus, daß ich in vielen Fragen liberal dächte.Aber in nationalen Fragen verstünde ich keinen Spaß. Wir lebten nicht inWolkenkuckucksheim, leider auch nicht im Paradies, sondern auf dieserharten Erde, wo es heiße, Hammer oder Amboß sein. Nachdem ich michüber die einzelnen von der Regierung für den Osten in Aussicht genom-menen Verwaltungsmaßregeln eingehend verbreitet hatte, erklärte ich,daß ich ebenso wie der Abgeordnete Hobrecht, der frühere Finanzministerunter Bismarck, der vor mir gesprochen hatte, die Ostmarkenfrage nichtnur für eine der wichtigsten Fragen unserer Politik, sondern geradezu fürdiejenige Frage hielte, von deren Entwicklung die nächste Zukunft unseresVaterlandes abhinge. Hier gelte das Wort unseres größten Dichters:Wasdu ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen."

Erschwert wurde mir der von mir verfolgte Kurs in der Ostmarken-Polenfrage politik, an dem ich bis zum letzten Tage meiner Amtsführung festgehaltenund Parteien \xabe, durch unsere unseligen Parteiverhältnisse. Wie mir mein lieber Freund,der Zentrumsabgeordnete Prinz Franz Arenberg, von Anfang an gesagthatte, sahen viele Zentrumsmitglieder innerlich die Notwendigkeit vonAbwehrmaßnahmen gegenüber der frechen polnischen Agitation und dieUnerläßlichkeit eines wirksamen Schutzes der Deutschen im Osten wohlein, aber Erwägungen parlamentarischer Taktik hinderten sie, gegen diepolnische Fraktion Stellung zu nehmen. Mein hochverehrter Freund undGönner, der Kardinal Kopp, ein scharfer Gegner des Polonismus, dem erin Oberschlesien mit nicht genug zu rühmender Festigkeit entgegentrat,sagte mir:Ich unterstütze Sie, wo ich kann. Aber wie nun einmal derDeutsche ist, wird das Schlagwort von der Glaubensgemeinschaft zwischenden deutschen Katholiken und den Polen auf die deutschen Katholikenimmer wieder Eindruck machen, obwohl umgekehrt damit kein polnischerHund vom Ofen gelockt wird und obschon eine Polonisierung unsereröstlichen Provinzen nach meiner festen Uberzeugung gar nicht den Inter-essen der katholischen Kirche entspricht." Das scharfe Auge des Kardinalshatte früh die Gefahren erkannt, die dem preußischen Staat und der deut-schen Sache in Oberschlesien von dem fanatisch antideutschen polnischenAgitator Korfanty drohten. Er ging schon während meiner Amtszeit gegendieses üble Subjekt vor. Es sollte die Zeit kommen, wo sich Korfanty derGunst der preußischen Regierung erfreute. Graf Hutten-Czapski, ein Pole,