„ZÜCHTIGUNG DER SARMATEN
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um die Marienburg, wobei wir auf einem Turm eine alte Fahne mit demDönboffscben Wappen entdeckten, dem schwarzen wilden Eberkopf mitemporstehenden Borsten. Sie stammte aus der traurigen Zeit, wo ein großerTeil jener deutschen Geschlechter, die einst mit dem Deutschen Orden nachOstland gefahren waren, sich den Polen angeschlossen hatte. Wir begeg-neten uns in dem Wunsch, daß die Marienburg nie wieder solche Zeitendeutschen Niedergangs und deutscher Ohnmacht sehen möge, ohne zuahnen, daß schon um diese Zeit in Potsdam als Oberpräsident der unglück-selige Mann saß, der vierzehn Jahre später Polen wiederherstellen unddamit dem Deutschtum der Ostmark die schwerste Wunde schlagen sollte.
Bei dem Prunkmahl, das er am 5. Juni 1902 im großen Remter derMarienburg gab, hielt Wilhelm II. eine Rede, deren Schwung und Feuerselbst Lucanus und mich überraschten, die wir in dieser Beziehung schonmanches erlebt hatten. Der Kaiser erinnerte seine verehrten Brüder vomOrden St. Johannis daran, daß in der Geschichte des Ordens wie in keineranderen der Finger der Vorsehung zu erblicken sei. Als der Orden im Hei-ligen Lande seine dort unfruchtbare und aussichtslose Mission aufgegebenhätte (das w r ar eine Liebenswürdigkeit für den Sultan und den Islam),wären die Ritter mit dem schwarzen Kreuz auf weißem Mantel nach derWeichsel gezogen. Und nun folgte ein feuriger Aufruf an die Johanniter,den Kaiser in seinem Kampf gegen die Polen zu unterstützen. DerselbeMonarch, der meiner wohlüberlegten und stetigen Ostmarkenpolitik oftzweifelnd und zögernd, gelegentlich ablehnend gegenüberstand und der imWeltkrieg unter Bethmann Hollwegschem Einfluß Polen wiederherstellte,forderte am 5. Juni 1902 die um ihn Versammelten, durch und durch ehren-werten, aber in der Mehrzahl schon bejahrten und wohlbeleibten Ordens-ritter auf, mit dem Ordensschwert in der nervigen Faust auf die Sarmateneinzuhauen, deren Frechheit zu züchtigen, sie zu vertilgen. Wie so oft vor-her und nachher, untersagte ich dem anwesenden Vertreter des WölfischenTelegraphenbüros, die Rede Seiner Majestät im Wortlaut zu veröffentlichen,und entwarf rasch auf der Rückseite meiner Tischkarte eine neue, feste,aber würdige und ruhige, in keiner Weise exzentrische Ansprache. Diesmaltat Eile not, denn kaum eine halbe Stunde nach Aufhebung der Tafel wollteder Kaiser nach Potsdam zurückkehren. Ich näherte mich ihm mit meinemEntwurf, gefolgt von Lucanus. Als ich meine Fassung vorlas, überkam denKaiser ein ganz großer Zorn. Er bestand namentlich auf der „Züchtigungder Sarmaten", obwohl ich ihm vorstellte, daß dies die Russen beleidigenwürde, da sie die Brandmarkung der Sarmaten auf sich beziehen könnten.Wir stritten eine Weile über die alten Sarmaten, ob sie ihren Wohnsitz ander Weichsel oder am Don gehabt hätten. Der Kaiser berief sich aufHerodot, ich aber auf Strabo . Schließlich meinte Seine Majestät: „Meine