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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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WILHELM, DER SCHÜCHTERNE

Rede war der alten Hochmeister würdig, eines Hermann von Balk und einesHermann von Salza . Sie aber lassen mich reden, als ob ich Lehrer derGeschichte an einer höheren Töchterschule wäre." Lucanus und ich Heßenaber nicht locker, die Zeit drängte, und schließlich gab der Kaiser nach,aber nicht ohne dem Chef des Zivilkabinetts den gemessenen Befehl zugeben, den Urtext seiner Rede im kaiserlichen Hausarchiv aufzubewahren.,,Denn", meinte der Kaiser,meine Nachfolger sollen einmal wissen, daßich forsch war." Als der Kaiser abgereist war, sagte mir der russische Bot-schafter, Graf Osten-Sacken, der die Ansprache Seiner Majestät in ihrerursprüngbchen Fassung schaudernd angehört und meine Auseinander-setzung mit dem hohen Herrn nach Aufhebung der Tafel beobachtet hatte:Sa Majeste l'Empereur est charmant, tout ce qu'il y a de plus seduisantcomme homme. Mais comme souverain, il est bien dangereux et cela sansvouloir, au fond, faire du mal ä personne. Voilä, il est incoherent! Dieuvous garde aupres de lui." Um dieselbe Zeit schrieb ein französischerSchriftsteller Nauzannes in einer Studie über Wilhelm II. :II fallait äl'Allemagne un chef grave, silencieux et mesure. Le destin lui a donne unmaitre agreable et primesautier, mais faible et enerve. Mibtaire, il ne l'estque pour ses diplomates, diplomate il ne Pest que pour ses militaires.Aucun chef d'Etat couronne n'a fait plus de mal ä la monarchie et trahiplus completement et plus inconsciemment la confiance du meilleur de sonpeuple. On ne peut que le plaindre, tout en rendant hommage a. ses qualitesde cceur et d'esprit dont une vanite maladive annule tous les bons effets."

Ich habe oft beobachtet, daß auch über den Durchschnitt begabteMänner sich gern das Ansehen geben, gerade diejenigen Eigenschaften zubesitzen, die ihnen fehlen. Wilhelm II. verhehlte sich im Grunde nicht,daß ihm die Mens aequa, die Mens solida und die Tenacitas propositi ab-gingen, die Quintus Horatius Flaccus vom Manne fordert. Gerade deshalbsuchte der Kaiser durch laute Reden und starke Worte andere und sichselbst über seine innere Unsicherheit und Ängstlichkeit zu täuschen. DieseTendenz soll nach meinem Rücktritt noch zugenommen haben, nachdemSeiner Majestät eingeredet worden war, die Franzosen hätten ihm denSpitznamenGuillaume le Timide" gegeben. Ich hatte im schlimmen Juli-monat 1914 nicht mehr die Ehre, in der Nähe Seiner Majestät zu weilen,habe aber von zuverlässigen Herren aus der Allerhöchsten Umgebunggehört, daß die sehr erregten, kriegerisch anmutenden Marginalien desKaisers vor und nach dem unseligen Ultimatum an Serbien dem Wunschentsprungen waren, jeden Zweifel an seiner Bravour zu beseitigen. InWirklichkeit hat, wie ich vorgreifend hier schon feststellen will, der Kaiser1914 so wenig wie in irgendeiner anderen Phase seiner Regierung den Krieggewollt.