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Antipathie, die namentlich in konservativen deutschen Kreisen gegenAmerika herrschte, war töricht. Der Ärger, den während der Kieler Woche unsere Hofgesellschaft über angebliche Bevorzugung von Mr. Vanderbilt,Mr. Armour, Mr. Pierpont Morgan, Mr. Carnegie empfand, war albernund die Preßhetze gegen diese amerikanischen Herren, wenn sie mitkaiserlicher Erlaubnis und auf kaiserliche Aufforderung die Potsdamer Schlösser, die Marienburg oder Kadinen besuchten, philiströs undHeinlich.
Am 15. Februar 1902 schiffte sich Prinz Heinrich an Bord des Lloyd-dampfers „Kronprinz Wilhelm" in Bremerhaven nach New York ein. Vor Prinzseiner Abreise hatte ich ein längeres Schreiben an ihn gerichtet, in dem ich Heinrichunter anderem ausführte: Von dem Prinzen würde in Amerika keinerlei nacnAm 'politische Tat erwartet. Er solle von dort weder einen politischen Vertragnoch ein handelspolitisches Abkommen noch irgendwelche politische,wirtschaftliche oder gar territoriale Konzessionen mitbringen. Der Zweckseiner Reise sei lediglich, die Amerikaner zu erfreuen und zu gewinnen,sie von der Sympathie des Kaisers und des deutschen Volks für das großund mächtig aufstrebende amerikanische Volk zu überzeugen wie vonder Nützlichkeit guter Beziehungen zwischen dem deutschen und demamerikanischen Volk. Deutschland und Amerika wären durch keinerleipolitische Differenzen getrennt, wohl aber verbunden durch zahlreiche undschwerwiegende Interessen, durch alte Traditionen, die zurückreichten biszu den Tagen des großen Friedrich und des großen Washington . Sie wärenauch durch Blutsverwandtschaft verbunden. Die Burenfrage möge derPrinz aus eigener Initiative gar nicht berühren. Würde sie von andererSeite angeschnitten, so möge er sich tunlichst ausschweigen. Eine zu leb-hafte Teilnahme für die Buren würde nicht in Einklang stehen mit der vonuns gegenüber dem Südafrikanischen Krieg eingenommenen neutralen,loyalen und in diesem Rahmen für England freundlichen Haltung. Anderer-seits hätten wir auch keine Veranlassung, in Amerika die Geschäfte derEngländer zu besorgen. Chacun pour soi et Dieu pour tout le monde. DieVerhältnisse in Süd- und Zentralamerika möge der Prinz aus eigenerInitiative nicht besprechen und selbstverständlich keinerlei AbsichtenDeutschlands auf jene Gegenden zugeben oder gar durchblicken lassen.Sollten die Amerikaner Besorgnisse hinsichtlich deutscher Eroberungs-gedanken bezüglich Mittel- und Südamerikas an den Tag legen, so könneder Prinz solche Befürchtungen unter Hinweis auf die Friedlichkeit unsererPolitik und die vielen Aufgaben, die wir sonst in der Welt zu lösen hätten,mit gutem Gewissen als absurde Hirngespinste ablehnen. Das geschehenoch besser in der Form ironischer Zurückweisung als durch pomphafteErklärungen. Deutschland wolle auf der ganzen westlichen Hemisphäre